Blog Jürg Buchli - Der Orient Express 2008

Jürg Buchli am 28.05.2008 - 11:50 Uhr
Am 5. Juni 1883 fuhr der erste Orientexpress von Paris bis (fast) nach Istanbul. Da es unserer Generation nicht vergönnt war, damals dabei zu sein, versuche ich das Verpasste 125 Jahre später nachzuholen, jedoch in einer der heutigen Zeit angepassten Form. Als Transportmittel bietet sich daher das Fahrrad an. Dieses hat ja seit 1883 große technische Fortschritte gemacht. Während die Reise in den damaligen Bahnwagen nur in der 1. Klasse möglich war, werden unsere Räder und Zelte abends auf dem Campingplatz stehen...

"Because it's there"
Dies wäre eigentlich eine schöne Antwort auf die Frage: Wieso fährt jemand überhaupt von Paris nach Istanbul? Bei den zahlreichen Teilnehmern aus Übersee (mehr zu den Teilnehmern später) liegt der Grund darin, dass sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen, in 50 Tagen acht europäische Länder zu erleben und vielleicht mehr unterschiedliche Währungen zu verwenden als in ihrem bisherigen Leben. Da ich gerne reise und gerne Rad fahre liegt bei mit der Grund für die Teilnahme in der simplen Begründung: "Because it's there." Es gibt so viele schöne Abenteuer auf der Welt, von denen man nur wenige erleben darf. Der Orient Express 2008 ist für mich eine Reise wert. Während 50 Tagen mit einer Gruppe von Leuten mit dem gleichen Ziel unterwegs zu sein, habe ich noch nie erlebt. Ich höre jedoch, niemand wird diese Zeit je vergessen.


Eisenbahnteil des Orient Express' nach 4.5 Stunden vorbei
Am Samstag starte ich nun um 07:02 in Zürich mit dem TGV Richtung Paris. Nach gut 4.5 Stunden ist mein Eisenbahnteil des Orientexpress 2008 bereits vorbei. Obwohl die Reise organisiert ist (mehr zum Organisator später) gab es einiges vorzubereiten. Mit den folgenden zwei Themen möchte ich einen kleinen Einblick in die Vorbereitungen geben. Für das bessere Verständnis muss ich die Reise kurz charakterisieren:
Die Fahrt führt von Paris über Chaumont, die Vogesen, das Elsass, Freiburg i.B., Schwarzwald, Donaueschingen (Quelle der Donau), Ulm, Regensburg, Passau, Wien, Budapest (das wäre dann etwas die Hälfte der Strecke), weiter über Bratislava, Budapest, Karpaten, Bukarest, Varna in die Türkei nach Istanbul, also durch die acht Länder Frankreich, Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei.

110 km im Durchschnitt pro Tag
Total wird es etwas über 4.000 km geben. Dies ist unter anderem auch davon abhängig, wie oft und wie weit man sich unterwegs verfährt. Die wenigsten haben Erfahrung mit kyrillischen Straßenschildern ;-) Ich rechne mit einem Durchschnitt von 110 km pro Tag. Das hört sich nicht schlimm an, aber alle mathematisch geschulten Leser wissen, was dies bedeutet: Die Hälfte aller Tagesetappen sind länger als der Durchschnitt, offenbar bis rund 150 km lang.

Der Organisator, (www.tourdafrique.com) organisiert für die Fahrer insbesondere:
- den Gepäcktransport
- die Campingplätze
- die Hotels an den Ruhetagen in den kulturell bedeutenden Städten
- kocht das Nachtessen auf dem Camping
- und noch ein paar Dinge mehr

Die Bestimmungen zum Gepäck
Am 3. März erhielt ich vom Organisator eine der wenigen Vorbereitungsmails, genannt baggage info 1 von 2. Demnach ist es jedem Teilnehmer erlaubt, zwei Taschen zu maximal 70 Litern mit zu bringen. Größer dürfen die Taschen nicht sein, sonst kann man gleich wieder nach Hause fahren. Jede Tasche darf 32 kg schwer sein (ja kg., nicht lb). Das tönt nach wahnsinnig viel, auch wenn Zelt, Schlafsack, Schlafmatte, Werkzeug, Reiseführer und vieles mehr rein muss. Ich habe erst gemerkt wie viel das ist, als ich hörte, dass das Gewichtslimit für meinen Rückflug ab Istanbul die normalen 20 kg beträgt und mit dem Fahrrad und Gepäck einiges an Übergewicht zusammen kommen wird. Für mich ungewohnt waren auch die Vorgaben im baggage mail, was man alles nicht mitbringen soll/darf: Laptops, Fußpumpen, Kochgeschirr, Campingstühle (diese würden gar konfisziert!), Camcorders, Mosquitonetze, Ersatzhelm, Ersatzschuhe u.s.w. Unterzeichnet ist das mail mit "baggage police".

Probezelten im Garten
Ich habe unter anderem ein neues, kleineres Zelt gekauft und es im Garten aufgebaut (auf Zeit, wie im Militärdienst) und sogar darin geschlafen, wenn auch nur bis um 03:30, bis es mir zu kalt wurde. Bereits heute weiss ich mit Sicherheit, dass es weit über 40 Grad werden wird und dass der Teer schmelzen wird, doch wie kalt es werden kann, weiss ich noch nicht, zum Beispiel in einer kalten Gewitterfront.

Der Service in der Fahrradfabrik
Nachdem mein "Experience" von www.aarios.ch, dem letzten schweizerischen Fahrradrahmenhersteller so gegen 6.000 km drauf hat, war ein Ölwechsel fällig. Jawohl, der Experience ist mein Velo (wenn ich unterwegs künftig versehentlich wieder Velo schreiben sollte, so liegt das daran, dass wir in der Schweiz ein Fahrrad Velo nennen. Dies wird auch so bleiben, auch wenn wir nicht Fußball-Europameister werden sollten ;-). Also der Ölwechsel kommt daher, dass mein Rad eine deutsche Rohloff Getriebeschaltung hat, welche so alle 5.000 km einen Schluck Öl braucht. Für einen Laien sieht die Rohloff aus wie eine normale Nabenschaltung, nur hat sie 14 Gänge und ist absolut hightech.

Offene Fragen vor dem Startschuss
Nach all den Vorbereitungen steigt die Spannung. Ich kann nicht mehr warten, bis es losgeht und man in den täglichen Tramp hinein kommt. Alles wird sich einpendeln, wie immer. Viele Fragen bleiben natürlich, nicht weltbewegende, aber solche von denen jeder Teilnehmer meint, sie seien wichtig für die Tour. Mich interessiert als Erstes wer mein Zimmerpartner sein wird, wenn wir in den Städten im Hotel ausruhen dürfen. Wie ist es in einer englischsprachigen Gruppe? Bekomme ich nach sieben Wochen ein Englischdiplom ;-) . Immerhin darf ich einen deutschen Blog schreiben, damit ich nicht wieder deutsch lernen muss, wenn ich nach Hause komme. Wie sind die anderen Teilnehmer? Wie wird gefahren? Ich denke es werden sich spontan Gruppen bilden. Was wird mein Hintern auf ein Streckenprofil reagieren, das an der Donau und in Ungarn doch viele Flachstrecken hat? Was wird gruppendynamisch ablaufen? Wie werden sich die Alpha-Tierchen in Szene setzen? Wie sind die anderen Fahrer drauf? Einige haben Referenzen wie "um die Welt geradelt", andere kommen kaum auf 1.000 km! Regnet es bereits in Paris bei der Abfahrt, oder können wir dieses Erlebnis noch etwas aufschieben (wohl kaum 4.000 km!)? Wie wird es im Zelt, wenn es stürmt. Vor allem das Auf- und Abbauen ist so dankbar im Regen. Das kann durchaus etwas an die Psyche gehen. Es wäre völlig falsch, die psychischen Anforderungen einer solchen Reise zu unterschätzen und als Vorbereitung nur viele Kilometer abzuspuhlen.

Die erste große Überraschung
Morgen kommt die große Überraschung: Der erste Versuch alles Gepäck in die zwei Taschen zu stecken und diese noch tragen zu können.

Tschüss und bis bald

Jürg Buchli, noch am Zürichsee
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