Ines Dull zum Ersten: Lang ersehnter Sieg beim Sportklettercup in Regensburg

bergleben.de am 06.06.2011 - 09:58 Uhr
Ines Dull zum Ersten: Lang ersehnter Sieg beim Sportklettercup in Regensburg © bergleben.de
Als Julia Winter kurz unter dem Top-Griff in der Route des Damenfinals von der Wand segelt, springt Ines Dull von der Leader-Bank auf. Freudestrahlend jubelt das bayerische Kraftpaket von der Sektion Allgäu-Kempten, denn schneller als alle anderen in der Halle hat sie realisiert, dass Winter die erkletterte Höhe nicht reicht, um Dull vom Spitzenplatz zu verdrängen. Die 19-Jährige hat es endlich geschafft: Nach vielen zweiten Plätzen auf nationaler Ebene kann Ines Dull in Regensburg endlich den lang ersehnten und verdienten Sieg bei einem Deutschen Sportklettercup einfahren.

Gute Mischung
Was in Umarmungen mit Freundin Luisa Deubzer und ihrem Freund endet, begann für Ines Dull wie auch für die knapp 30 Starterinnen am Samstagmorgen um 10 Uhr mit dem Beginn der Qualifikation. In zwei Routen, geschraubt vom prominenten Team um Christian Bindhammer und Markus Hoppe, wurden die besten acht Damen für das Finale gesucht. Neben Dull und der starken Julia Winter schafft es eine gute Mischung zwischen Alt und Jung in das Finale. Marion Mannheim (Jahrgang 1979) kam in den Quali-Routen ebenso gut zurecht wie die Youngster vom DAV-Jugendkader: Ronja Kellner (DAV Freising, Jahrgang 1994), Lulu Deubzer (DAV München-Oberland, Jahrgang 1994), Chiara Maria Clostermann (DAV Ringsee, Jahrgang 1993) und Lina Himpel (DAV Frankfurt/Main, Jahrgang 1995) zogen in das Finale ein. Dieses wurde komplettiert von Denise Plück von der Sektion Rheinland Köln, die in der ersten Route stark auftrumpfte und der eine der nur drei Top-Begehungen gelang. Die anderen beiden gingen auf die Konten von Julia Winter, ebenfalls in der Route 1, und Ines Dull – die blonde Powerfrau kletterte als Einzige die zweite Quali-Tour top.


Herrenquali: Tauporn souverän
Neben der Damen der Schöpfung durften sich in Regensburg natürlich auch die Herren an den recht kurzen Wettkampfwänden versuchen. Fast alle Top-Athleten des DAV waren mit dabei: Lediglich Alexander Megos und die Boulderspezialisten aus dem Nationalteam, die zeitgleich in Nordamerika um Weltcup-Ehren stritten, waren in Regensburg nicht am Start. Dafür aber 32 Herren, deren Leistungsdichte und –vermögen immer größer zu werden scheint. Die Routen in der Quali hatten es dann auch in sich: Insgesamt konnte der Mann am Mikro, DAV-Organisator Matthias Keller, nur eine Top-Begehung vermelden. Die kam vom Favoriten Thomas Tauporn, der früh am Tag vom Top-Griff der ersten Quali-Tour grüßte. Die zweite Route brachte dann auch Tauporn ins Schwitzen: Ein wackliger Quergang mit ekligem Sloper brachte mehr als die Hälfte der Starter zum Abflug – irgendwann hatte sich die beste Lösung des Problems dann zwar rumgesprochen, aber viel weiter kamen auch die besten Athleten in der Route nicht. Tauporn war aber auch hier der Beste und zog mit insgesamt acht weiteren Athleten ins Finale ein: Sebastian Halenke (Schwäbisch-Gmünd), Jan Hojer (Frankfurt/Main), David Firnenburg (AlpinClub Hannover), Sammy Adolph (München-Oberland), Christoph Hanke (München-Oberland), Benjamin Sillmann (Freiburg), Markus Jung (Siegerland) und Martin Tekles (Berchtesgaden).

Damenfinale: Hochspannung und eine glückliche Siegerin
Während sich das Schrauberteam an die Finalrouten machte, die Besucher und Zuschauer sich bei bestem Wetter in der schönen Außenanlage des Kletterzentrums Regensburg Bratwürste, Steaks und Getränke schmecken ließen, suchten die Athleten in der Isolation schattige Plätze – fast 30 Grad zeigte das Thermometer, da wurde das Aufwärmen fast überflüssig. Pünktlich um 18 Uhr dann der Start zum großen Finale: Erst fünf Minuten Besichtigung, dann die Damen und zum Schluss das Herrenfinale. Lina Himpel eröffnete den Damenendkampf in der fordernden Route, legte eine beachtliche Höhe hin und holte sich von den Zuschauern bei ihrem ersten Finale den verdienten Applaus ab. Final-„Oldie“ Marion Mannheim übertraf im Anschluss Himpel deutlich, nahm auf der Leaderbank Platz – und blieb dort erstmal eine Weile sitzen. Denn weder Chiara Clostermann noch Ronja Kellner gelang es, Mannheims vorgelegte Höhe zu überklettern. Und dann kam schon Ines Dull: Beinahe problemlos meisterte sie die erste Schlüsselstelle, einen langen Zug nach rechts von einem schmierigen Doppler mit direkten Anschlusszügen weiter nach rechts ohne gute Trittmöglichkeiten. Der anschließende Clip saß schnell, über eine große Nasenstruktur presste Dull sich mit starken Heelhooks weiter nach oben. Einen Zug unter dem Top verließen sie die Kräfte und Dull musste aufgeben, das Publikum feierte aber den Auftritt der 19-Jährigen. Danach kamen noch drei Athletinnen: Lulu Deubzer hatte an der gelben, nasenförmigen Struktur keine Puste mehr, für sie reichte es aber zu einem starken dritten Rang. Denise Plück rutschte in einem entscheidenden Moment der Fuß weg, nur Rang sechs für die Rheinländerin. Und die wohl beste Allrounderin im Feld, Julia Winter, war bis zu Dulls Höhe extrem solide unterwegs, doch den von Dull noch gehaltenen vorletzten Griff konnte sie nur touchieren. Am Ende ein verdienter Sieg für Ines Dull, die mit ihrer kämpferischen und sympathischen Art den für viele längst überfälligen Sieg bei einem Sportklettercup endlich einfahren konnte.

Tauporn vor Hojer und Halenke
Das Finale der Herren wollte dem spektakulären Finish bei den Damen natürlich in Nichts nachstehen – und die Route gab so auch einiges her. Nach einem harten Start im heftigen Überhang ging es nach einigen pumpigen Metern zu einem Wandwechsel, der verschiedene Lösungen und eine Rastposition im Halbspagat zuließ. Aber erst danach wurde es richtig anstrengend, wie auch der erste Starter Markus Jung erfahren musste. Dem starken Felskletterer und „Fast“-Spanier gelang ein formidabler Auftritt: Er fand bereits im ersten Abschnitt eine kleine Ausruhmöglichkeit, pushte allerdings ohne Pause über den Wandwechsel – so dass ihm am Ende einige Körner fehlten. Dennoch kam Jung weit, legte die Hand sogar noch an die rote, große Muschelstruktur, bevor er den Abflug machte. Am Ende war es Rang vier für den Mann von der Sektion Siegerland. Nicht so gut zurecht kamen die Starter danach: Sammy Adolph kam bis kurz nach dem Wandwechsel, Benjamin Sillmann erreichte exakt die gleiche Höhe. Christoph Hanke war trotz Größennachteile stark unterwegs, biss sich aber an Jungs Leistung die Zähne aus. Erst Jan Hojer, bei den Wettkämpfen in München (Bouldern) und Scheidegg (Lead) jeweils ganz oben auf dem Siegerpodest, pushte knapp über Jungs Höhe, konnte aber die Muschelstruktur auch nicht überwinden. Es folgte Fels-Ass David Firnenburg, der draußen schon im glatten elften Grad klettern konnte, aber in Regensburg am Ende nicht über den fünften Rang hinaus kam. Vorletzter Starter war der, nicht nur wegen seines Irokesen-Haarschnitts beeindruckende Sebastian Halenke. Kaum ein Kletterer geht so verbissen, motiviert und beinahe angsteinflößend aggressiv zu Werke, wie der Jugendweltmeister. In Regensburg aber ging der Schuss fast nach hinten los: Bei den ersten Clips verschwendete Halenke eine Menge von seinen, zugegebenermaßen ziemlich großen, Kraftreserven – zu schnell wollte der erst 16-Jährige die Wand hinauf, bekam dabei aber die Zwischensicherungen nicht flüssig eingehängt. Dennoch eine Wahnsinns-Auftritt des ehrgeizigen Schwaben, der wie Markus Jung an der großen Muschel abging. Am Ende ein starker dritter Rang für das wohl größte Talent des DAV. Den Sieg fuhr in Regensburg aber ein andere ein: Thomas Tauporn ging wie gewohnt schnell und sicher zu Werke, musste sich aber wie Jan Hojer am Zug von der Muschel weiter nach links geschlagen geben. Für Hojer ärgerlich, er verpasste den Hattrick nur aufgrund der schlechteren Leistungen in der Quali. Bundeswehr-Soldat Tauporn geht hingegen mit einem guten Gefühl in die internationale Saison: Im Juli startet der Weltcup in Chamonix, kurz danach bereits die WM in Arco, bei der „Shorty“ im Overall an den Start geht: "Da peile ich mal ganz offensiv das Podest an", so der Schwabe. Eine WM-Medaille - das wäre auch für den DAV der verdiente Lohn für viel Herzblut und Arbeit, die in den letzten Jahren in den Spitzensport investiert wird. Für das Event in Regensburg hatten die Verantwortlichen des Hauptverbandes, Matthias Keller und Christoph Gabrysch, am Ende nur Lob übrig: "Besser kann man es eigentlich nicht machen!"

Alles zum DAV Sportklettercup - mit Videos, Interviews und vielen Bildern - findet ihr in unserem Eventspecial.