Kletterweltcup in Briancon: Amma siegt erneut, Damenfinale sorgt für Diskussionen

bergleben.de am 23.07.2012 - 09:34 Uhr
Kletterweltcup in Briancon: Amma siegt erneut, Damenfinale sorgt für Diskussionen © Newspower Canon
Spektakuläres Ende des Lead-Weltcups in Briancon am Samstagabend: Der Führende nach dem Halbfinale, Ramón Julian Puigblanque musste aufgrund seiner zu geringen Reichweite frühzeitig von der Finalroute ablassen und wurde am Ende nur Siebter. Der Sieg des Herrenwettbewerbs ging an Sachi Amma aus Japan, der schon den ersten Weltcup der Saison in Chamonix gewinnen konnte. Bei den Damen siegte die Französin Helene Janicot vor Johanna Ernst (AUT). Die Finalrouten sorgten bei den Startern und Zuschauern aber für jede Menge Diskussionen.

Fünf Damen toppen die Finalroute

Die besten acht Damen aus den Vorrunden machten im Frauenfinale am Samstag vor einer begeisterten Menschenmenge und vielen tausend Zusehern im stark verbesserten, aber noch lange nicht perfekten Livestream unter www.ifsc.tv den Anfang. Eine lange und ausdauerlastige Route im Bereich einer 8b, allerdings ohne besonders schwere Schlüsselstelle, wartete auf die Finalistinnen. Unter ihnen wieder keine Deutsche: Die DAV-Starterinnen sind von der Weltspitze derzeit weit entfernt. Ana Tiripa und Hannah Bähr wurden 36. und 44. Den Finalzuschauern wurde schnell klar: Nicht nur im Halbfinale, wo drei Damen die Wertung 55+ und fünf Damen 53+ erkletterten, sondern auch im Finale waren die Routenschrauber auf die Kletterfähigkeiten der Besten nicht gut vorbereitet. Das Ziel, durch das Schrauben der Route das Feld so zu sondieren, dass sich die Gewinnerin von den anderen absetzen kann, wurde klar verfehlt. Helene Janicot (FRA), Johanna Ernst (AUT), Charlotte Durif (FRA), Mina Markovic (SLO) und Momoka Oda (JAP) toppten die Route zum Teil ohne größere Schwierigkeiten. Da Janicot und Ernst in den Vorrunden die besten und exakt gleichen Leistungen erbracht hatten, kam die neue Weltcup-Regel zum Einsatz, nach der der Kletterer gewinnt, der schneller geklettert ist. Und hier hatte Janicot knapp die Nase vorn und feierte ihren ersten Weltcup-Sieg der Karriere. Doch auch Ernst war zufrieden: „Aufgrund der Maturavorbereitungen im Mai und Juni habe ich derzeit noch ein wenig Trainingsrückstand und bin noch nicht in Hochform. Deshalb bin ich über Platz zwei mehr als nur glücklich“, freute sich Ernst über Platz zwei in Briancon. Dritte wurde Charlotte Durif, in der Gesamtwertung liegen Janicot und Mina Markovic nun nach zwei Wettbewerben mit 155 Punkten in Front.


Amma stark, Puigblanque zu klein

Im anschließenden Herrenfinale schafften die Routenschrauber es, eine Tour im Grad 8c+ zu präsentieren, die es in sich hatte. 59 Züge, viele Crimper, eine Rastposition im Dach und ein knackiges Ende mit einigen Schulterzügen. Eine tolle Leistung lieferte dabei Jakob Schubert ab, der nach seinem Haken-Tritt in Chamonix dieses mal darauf bedacht war, ein solches Malheur zu vermeiden. Doch Schubert behielt die Zeit nicht im Blick, schüttelte sich oft und lang und wurde nach acht Minuten Kletterzeit in einer Höhe von 49 von der Wand gerufen. „Leider habe mich ein wenig verschätzt bei der Zeiteinteilung und dachte, dass ich noch mehr Zeit zur Verfügung habe. Heute wäre sicher noch mehr drin gewesen. Mit einem Podestplatz in der Tasche ist die Vorfreude auf den Heimweltcup in Imst aber natürlich groß“, sagte Schubert, der am Ende Dritter wurde. Den zweiten Platz sicherte sich der starke Kanadier Sean McColl, der eine Passage im Mittelteil komplett ausließ und den direkten Weg wählte. Dadurch kam er auch nicht in Zeitnöte, fiel aber bei 50+ entkräftet ins Seil. Ihn übertraf nur noch der Japaner Sachi Amma, der geschmeidig und locker bis 53+ klettern konnte und damit seinen zweiten Sieg der Saison einfuhr. Denn Ramón Julian Puigblanque, der als einziger Starter beide Quali-Routen toppte und auch im Halbfinale der Stärkste war, hatte in der anspruchsvollen Route mit seiner Körpergröße von nur knapp über 1,60m zu kämpfen und war am Ende nicht in der Lage, sie mit seinem Kletterkönnen zu kompensieren. Puigblanque wurde Siebter. Pech hatte wieder einmal Thomas Tauporn, dem die Finalroute mit Sicherheit gut gepasst hätte: Nach guten Leistungen in der Vorrunde wurde er am Ende Neunter, verpasste also das Finale um nur einen Platz. Die Ergebnisse der anderen Deutschen: Christoph Hanke wurde 30., Sebastian Halenke nach einem Patzer in der zweiten Quali-Route 35., Markus Jung 36. und David Firnenburg 44. In der Gesamtwertung des Lead-Weltcups 2012 liegt nun Amma (200 Punkte) vor McColl (145 Punkte) und Puigblanque (125 Punkte), Thomas Tauporn ist Achter (80 Punkte).

Reif für Olympia?

Trotz Zuschauermassen und großen öffentlichen Zuspruch bleibt ein Fragezeichen hinter den Weltcups mit Seil. Die Frage, die alles überschattet: Ist diese Sportart bereits reif für Olympia? Im September 2013 wird entschieden, ob Sportklettern 2020 olympisch wird. Der Modus und insbesondere der Routenbau müsste bis dahin aber sicherlich nochmal überdacht werden. Viele Fragen bleiben nach dem Briancon-Weltcup offen: Will man den Kletterern weiterhin Rastmöglichkeiten in den Routen gönnen, die ihnen Erholung bringen, langweilig anzusehen sind und die Kletterzeit mehr und mehr in den Vordergrund rücken? Wie schafft man es, Situationen zu schaffen, die kleinen und großen Kletterern gleiche Chancen ermöglichen? Gelingt es durch noch boulderlastigere Routen Wettkämpfe zu schaffen, die nicht über die Zeit, sondern durch ein klares Resultat entschieden werden? Und würden weibliche Chefroutenbauer bessere, klarere Routen für Frauen schrauben? Wenn Speed-Lead-Climbing das Ziel des IFSC ist, hat man in Briancon einen Schritt in diese Richtung gemacht. Soll aber in einem Finale der Kletterer/die Kletterin gewinnen, die am höchsten kommt, sind vor allem bei den Damen noch athletischere Kletterei fordernde Routen von Nöten. Vielleicht muss man dann als Schrauber auch mal das Risiko in Kauf nehmen, dass niemand den Top-Griff erreicht.

Der nächste Lead-Weltcup findet am 10. August in Imst (AUT) statt.

bergleben.de / ÖWK Wilhelm

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