Alpspix eröffnet: Brauchen die Alpen Geschmacksverstärker?

bergleben.de am 07.07.2010 - 12:42 Uhr
Alpspix eröffnet: Brauchen die Alpen Geschmacksverstärker?
Geschmacksverstärker kennen wir eigentlich aus Lebensmitteln. Vor allem in Fertiggerichten sind Glutamat und Co. vor Ort und sorgen für ein möglichst massentaugliches Empfinden des zumeist eher gewöhnlichen Inhalts. Feinschmecker rümpfen da nur die Nase.

Lockruf für Touristen
Daher passt der Vergleich vielleicht auch für das Projekt Alpspix. Über den Bergen von Garmisch-Partenkirchen sorgt die neueröffnete Attraktion für ganz widersprüchliche Aussagen. "Wir wollen die Personen auf die Berge bringen," sagt beispielsweise Johannes Burkhart von der Zugspitzbahn AG, der Betreiberin des neuen Aussichtsplatzes. Die Plattform ragt in Form zweier X-förmiger Stahlarme 13 Meter frei schwebend in den Abgrund hinein. 1.000 Meter in die Tiefe blickt man von dort. Eine grandiose Aussicht, die mit Sicherheit einige Besucher anlocken wird. Zur Eröffnung waren die 'Arme' jedenfalls gefüllt.

Die Berge: Nur noch Kulisse eines Abenteuerparks?
Ganz anders sehen es die Kritiker, allen voran Stefan Glowacz und der Verein Mountain Wilderness. "Unsere Berge brauchen keinen Geschmacksverstärker," prangte auf dem Banner, das der Extrembergsteiger aus einem Höhenbiwak am Tag der Eröffnung entfaltete. Und auch der Deutsche Alpenverein DAV erklärte schriftlich: "Dabei dürfen die Alpen aber nicht zur Kulisse degradiert werden, das Erleben der Berge muss auch künftig im Vordergrund stehen. Werden Stege oder andere feste Bauten wie die Aussichtsplattform „Alpspix“ errichtet, darf dies nur in einem touristisch bereits intensiv erschlossenen Gebiet geschehen unter der Voraussetzung, dass diese Bauwerke an eine bereits bestehende Infrastruktur angebunden sind."

Nur ein kleiner Eingriff
Zwei grundlegend unterschiedliche Ansätze zur selben Thematik finden sich hier wieder. Dabei sind der Alpenverein und die Zugspitzbahn AG gar nicht so weit auseinander. "Wir stimmen dem Alpenverein zu, es sollten nur touristisch stark erschlossene Gebiete für Attraktionen wie dem Alpspix genutzt werden. Da ist eine Prüfung von Einzelfall zu Einzelfall nötig," räumt Johannes Burkhart ein, wähnt sich aber in diesem Fall im gut erschlossenen Zugspitzgebiet sicher, zumal "der Eingriff in die Natur bei Alpspix vergleichsweise klein" gewesen sei. Ein kleines Fundament, ein paar Metallstreben. Eine neue Liftanlage verursacht ohne Frage mehr Aufwand. Aber wer soll hier eine Grenze ziehen dürfen?

Messner: "Ich ziehe einen Zaun"
Die Positionen werden bereits deutlich länger verhandelt. Mountain Wilderness beispielsweise versuchte mit Protestaktionen den Bau zu verhindern. Beim International Mountain Summit 2009 trafen in der Diskussionsrunde 'Unsere Berge - Berge Unser' Experten zusammen, um darüber zu diskutieren. Bergsportlegende Reinhold Messner reichte dabei seinen Vorschlag ein - wollte diesen aber selbst nicht auf ein konkretes Beispiel angewendet wissen (Mehr dazu seht ihr im bergleben.de-Video). Für den DAV steht fest: "Anlagen, die nur den Charakter von „Fahrgeschäften“ besitzen, wie z.B. Flying Foxes, haben in der freien Natur nichts zu suchen." Und schon wieder wäre eine Konkretisierung fällig. "Wesentlich an Einrichtungen wie dem Flying Fox ist der Kick durch Höhe, Geschwindigkeit und Überwindung," definiert der Alpenverein. Lässt man die Geschwindigkeit weg, träfe das allerdings auf Alpspix auch zu.



Verantwortung übernehmen
Klar ist in dieser Sache wohl nur eines: Es gibt einen Konflikt zwischen der notwendigen und gewollten touristischen Nutzung der Alpen und dem Wunsch, diese als Naturraum nicht zu verschandeln oder zu entstellen. Für jede größere Maßnahme werden Einzelfallentscheidungen notwendig werden. Jede durchgesetzte Maßnahme wird Folgeprojekte nach sich ziehen, wenn die Kasse erst einmal klingelt. "Man muss auch mal klar sagen: Reines Bergwandern reicht vielen Menschen nicht mehr aus. Der Anspruch der Gäste wächst, deswegen müssen wir Erlebnisse schaffen," formuliert Johannes Burkhart diese Position. Das mag stimmen. Für viele andere dürfte reines Bergwandern im Zugspitzgebiet jetzt weniger attraktiv sein. Gerade deshalb bedarf es Kritiker wie Mountain Wilderness, um auf die Umweltaspekte bei Großprojekten hinzuweisen. Und es bedarf eines kritischen Deutschen Alpenvereines, um diese Interessen öffentlich zu vertreten. Den ersten Schritt zu mehr Verantwortung in dieser Sache hat der DAV mit der schriftlichen Positionsbestimmung kürzlich getan. Sie schließt mit den Worten: "Eine neue Erschließungswelle in den Alpen darf es nicht geben! Der Deutsche Alpenverein wird deshalb die Entwicklung im bayerischen Alpenraum sehr genau beobachten und dabei seiner Verantwortung als Bergsport- und Naturschutzverband gerecht werden." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ingo Lemmer
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Gast Steve am 07.07.10 17:46 Uhr
Es mag sein, dass die Gäste immer mehr "attraktionen" wollen, aber dabei sollte immer auch überlegt werden, ob diese auch in 10 Jahren noch attraktiv sind und gut aussehen. beim grand canyon skywalk ist dies voraussichtlich der fall - hier bin ich mir nicht so sicher. aber die einzelfallprüfung ist sicherlich der einzige weg zu sinnvollen entscheidungen zu kommen. ein vollständiges verbot der berge zur entwicklung macht sie zwar für den tourismus unter umständen attraktiver, wird aber zum wegzug der jungen bevölkerung führen.
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