Kommentar: Die Faszination von Tod und Rekorden
bergleben.de am 24.02.2009 - 12:18 Uhr
Die Macht der Medien ist groß. Worüber Deutschland sich unterhält, bestimmen BILD, Spiegel, Stern, die Tageszeitungen und Magazine der Regionen. Die Verantwortung der Verlage und TV-Sender ist daher nicht von der Hand zu weisen, doch in Zeiten des Ineinandergreifens von Medien und Wirtschaft werden oftmals nicht mehr die Qualität und der Anspruch der Beiträge an erste Stelle gestellt. Was zählt, sind Verkaufszahlen, Klickstatistiken im Web und Werbepreise.
Auch wir bei mountains2b.com merken dies. Unser Portal lebt von Werbeeinblendungen, nur so können wir uns finanzieren. Daher überprüfen wir natürlich auch, welche Artikel oft angeklickt werden und welche für die User uninteressant erscheinen. Ganz vorne: Rekorde, Todesmeldungen, Lawinennews und spektakuläre Überschriften. Dass diese Themen nur einen kleinen Teil des Bergsports ausmachen, ist uns klar und daher versuchen wir, dem durch eine ausführliche Berichterstattung über Wettkämpfe und vieles mehr Rechnung zu tragen. Aber auch wir sind in einer Zwickmühle, wenn es darum geht, möglichst viele Seitenaufrufe zu erreichen.
Dennoch: Die Verpflichtung zu einer ausgiebigen Recherche und wahrheitsgerechten Berichterstattung nehmen wir uns zu Herzen. Anders hält es da aber anscheinend www.bild.de: Auf dem Webauftritt der Bildzeitung – immerhin eine der meistbesuchtesten Websiten Deutschlands – wurde am letzten Donnerstag über den Tod des argentinischen Guides Federico Campanini und das aufgetauchte Video bei Youtube getitelt: "Schock-Video! Bergretter lassen Verletzten liegen – er stirbt". Über die Umstände der Rettungsaktion und die extremen Verhältnisse am Berg war im Bildzeitungsbericht ebenso wenig zu lesen wie über die schlechte Ausrüstung der verunglückten Gruppe und das nicht zu unterschätzende Risiko einer Tour auf den Aconcagua. Wer allerdings bei der Bildzeitung erstmals von den Ereignissen an Südamerikas höchstem Gipfel las, der musste glauben, die Retter hätten die alleinige Schuld am Tod Campaninis. Ohne Zweifel: Die Rettungsaktion war schlecht vorbereitet und die Bergsteiger ohne passendes Equipment unterwegs – dies kann man den Verantwortlichen vorwerfen, sie vielleicht sogar dafür belangen. Nun die Rettungskräfte als Mörder hinzustellen und zu behaupten, sie hätten unter den gegebenen Umständen (-40 Grad auf fast 7000 Meter Höhe) nicht alles versucht, Campanini zu retten, ist unredlich. Wenn man dieses dann in einer Form tut, wie es die Bildzeitung tut, ist dies reiner Sensationsjournalismus, der auch noch irreführt.
Als Redakteur und aufmerksamer Leser frage ich mich oft, warum die Bildzeitung so erfolgreich ist. Reisserische Überschriften umgarnen oft schwache und langweilige Inhalte. Promi-Geschichten oder Drama-Schock-Themen folgen auf hunderte Dschungelcamp-Artikel. Das kann doch nun wirklich nicht interessanter sein als Dinge, die die Menschen wirklich betreffen und bewegen sollten? Aber anscheinend wollen die Menschen nicht mehr hinterfragen und beim Lesen ihre Gehirnzellen fordern, sie wollen nur noch konsumieren – und das möglichst einfach und schnell. Ob im TV, Magazinen oder Web: Erfolgreich sind die Formate, die glamourös, pompös und spektakulär rüberkommen, alles andere versinkt im Wust des Informationsüberflusses und kann schwerlich erfolgreich sein. Mich macht es traurig, zu sehen, dass fantastische Beiträge im Nichts untergehen und dafür "Germanys next Top-Model", Reality-Dokus und Koch-Shows den Weg an die Spitze der Einschaltquoten schaffen oder Artikel wie der Aconcagua-Bildzeitungsbericht zu Hauf existieren.
Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung auch alleine da, aber wenn nicht, sollten sich zumindest die Leser dieses Kommentars klar machen: Über kurz oder lang sind es die Leser, User und Websiten-Besucher, die uns Journalisten den Weg vorgeben. Denn wir werden an Erfolgszahlen gemessen - und diese Zahlen bestimmt ihr!
Sebastian Lindemeyer
Auch wir bei mountains2b.com merken dies. Unser Portal lebt von Werbeeinblendungen, nur so können wir uns finanzieren. Daher überprüfen wir natürlich auch, welche Artikel oft angeklickt werden und welche für die User uninteressant erscheinen. Ganz vorne: Rekorde, Todesmeldungen, Lawinennews und spektakuläre Überschriften. Dass diese Themen nur einen kleinen Teil des Bergsports ausmachen, ist uns klar und daher versuchen wir, dem durch eine ausführliche Berichterstattung über Wettkämpfe und vieles mehr Rechnung zu tragen. Aber auch wir sind in einer Zwickmühle, wenn es darum geht, möglichst viele Seitenaufrufe zu erreichen.
Dennoch: Die Verpflichtung zu einer ausgiebigen Recherche und wahrheitsgerechten Berichterstattung nehmen wir uns zu Herzen. Anders hält es da aber anscheinend www.bild.de: Auf dem Webauftritt der Bildzeitung – immerhin eine der meistbesuchtesten Websiten Deutschlands – wurde am letzten Donnerstag über den Tod des argentinischen Guides Federico Campanini und das aufgetauchte Video bei Youtube getitelt: "Schock-Video! Bergretter lassen Verletzten liegen – er stirbt". Über die Umstände der Rettungsaktion und die extremen Verhältnisse am Berg war im Bildzeitungsbericht ebenso wenig zu lesen wie über die schlechte Ausrüstung der verunglückten Gruppe und das nicht zu unterschätzende Risiko einer Tour auf den Aconcagua. Wer allerdings bei der Bildzeitung erstmals von den Ereignissen an Südamerikas höchstem Gipfel las, der musste glauben, die Retter hätten die alleinige Schuld am Tod Campaninis. Ohne Zweifel: Die Rettungsaktion war schlecht vorbereitet und die Bergsteiger ohne passendes Equipment unterwegs – dies kann man den Verantwortlichen vorwerfen, sie vielleicht sogar dafür belangen. Nun die Rettungskräfte als Mörder hinzustellen und zu behaupten, sie hätten unter den gegebenen Umständen (-40 Grad auf fast 7000 Meter Höhe) nicht alles versucht, Campanini zu retten, ist unredlich. Wenn man dieses dann in einer Form tut, wie es die Bildzeitung tut, ist dies reiner Sensationsjournalismus, der auch noch irreführt.
Als Redakteur und aufmerksamer Leser frage ich mich oft, warum die Bildzeitung so erfolgreich ist. Reisserische Überschriften umgarnen oft schwache und langweilige Inhalte. Promi-Geschichten oder Drama-Schock-Themen folgen auf hunderte Dschungelcamp-Artikel. Das kann doch nun wirklich nicht interessanter sein als Dinge, die die Menschen wirklich betreffen und bewegen sollten? Aber anscheinend wollen die Menschen nicht mehr hinterfragen und beim Lesen ihre Gehirnzellen fordern, sie wollen nur noch konsumieren – und das möglichst einfach und schnell. Ob im TV, Magazinen oder Web: Erfolgreich sind die Formate, die glamourös, pompös und spektakulär rüberkommen, alles andere versinkt im Wust des Informationsüberflusses und kann schwerlich erfolgreich sein. Mich macht es traurig, zu sehen, dass fantastische Beiträge im Nichts untergehen und dafür "Germanys next Top-Model", Reality-Dokus und Koch-Shows den Weg an die Spitze der Einschaltquoten schaffen oder Artikel wie der Aconcagua-Bildzeitungsbericht zu Hauf existieren.
Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung auch alleine da, aber wenn nicht, sollten sich zumindest die Leser dieses Kommentars klar machen: Über kurz oder lang sind es die Leser, User und Websiten-Besucher, die uns Journalisten den Weg vorgeben. Denn wir werden an Erfolgszahlen gemessen - und diese Zahlen bestimmt ihr!
Sebastian Lindemeyer
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Fotoserie: Expedition Aconcagua 2007
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