Kommentar: Mount Everest – ein Grab der Bergsportideale

bergleben.de/S. Lindemeyer am 28.05.2010 - 12:15 Uhr
Kommentar: Mount Everest – ein Grab der Bergsportideale © flickr_brogge1
Viele Neuigkeiten erreichen uns in diesen Tagen vom höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest an der chinesisch-nepalesischen Grenze. Mit dem Amerikaner Jordan Romero schaffte es ein gerade mal 13 Jahre alter Bergsteiger auf den 8.848 Meter hohen Gipfel - Weltrekord. Fast gleichzeitig steht der 49-jährige Apa Sherpa zum 20. Mal am berühmtesten Punkt der Erde. Auch das ist ein Rekord! Der Ansturm auf den Berg, auf dem Apa Sherpa und seine Crew zuletzt mehrere Tonnen Müll aufsammelten und ins Tal brachten, ist ungebrochen. Nicht weniger als 420 Menschen aus über 50 Expeditionsteams erreichten 2010 schon den Gipfel der Welt.

Die Frage, warum von diesem Berg eine so große Faszination ausgeht, ist eigentlich überflüssig. Es ist eben der höchste von allen, das Nonplusultra. Sensationelle Geschichten, Katastrophen, wundersame Rettungen, all dies gab es bereits am Everest. Schon seit über 80 Jahren beklettern Menschen diesen Berg. Die, die den Gipfel erreichen, können von sich behaupten, sie hätten eine der größten Challenges auf dieser Welt überstanden.


Doch das Geschehen am überbevölkerten Everest verdeutlicht: Langsam aber stetig verkommt der Berg zu einem Grab der ursprünglichen Ideale. Freiheit, Naturbewusstsein und –erlebnis, Bergsport im Einklang mit der Umwelt, Landschaftsgenuss, die Erfrischung der Lebensgeister, die Welt fühlen – dies sind die alten Ideale. Die neuen sind Erfolg, Leistung, Höhe, Weite, Schwierigkeit, Besonderheit. Kunden zahlen viele Tausende von Dollar, um diese neuen Ideale zu erreichen und sich auf der Nord- oder Südseite im Stau auf den Gipfel drängen. Vielen - nicht allen - ist jedwedes Mittel Recht, um die teuerste Reise ihres Lebens mit dem Erreichen des Gipfels der Welt zu krönen.

Es liegt in der Natur des Menschen, nach immer größeren Aufgaben zu suchen. Doch ist nicht die Vorbereitung, Planung, Organisation und Durchführung einer Bergtour die eigentliche Herausforderung für Bergsteiger? Eine Herausforderung, die eine viel größere Anerkennung verdient als die des Öfteren unselbstständige Teilnahme an einer von vorne bis hinten durchorganisierten Everest-Tour? Verantwortung übernehmen, organisieren, Risiken einschätzen, Gefahren umgehen – nicht jeder Mensch kann das. Wer es nicht kann, sollte aber danach streben, es zu lernen. Die Buchung einer Tour auf einen Sechs-, Sieben- oder gar Achttausender bei einem kommerziellen Reiseanbieter ist zu diesem Zweck mit Sicherheit aber nicht der richtige Weg.

Die Leistungen eines beeindruckenden 13-Jährigen oder der über 400 Everest-Bezwinger aus diesem Jahr soll hier nicht geschmälert werden. Die körperlichen und psychischen Anforderungen an diesem Berg sind unglaublich hoch, jeder Summitter ist ein großer Sportler. Dennoch: Der alte und vielleicht neue Weg des Bergsteigens darf nicht in Vergessenheit geraten. Ein Weg, bei dem man sein Gehirn nicht am Fuße des Berges ausschalten kann. Ein Weg, der Charakterstärke und Verantwortungsbewusstsein fordert und fördert. Einen Weg, der die Seele des Bergsteigens wieder in den Mittelpunkt bringt: die unmittelbare und unabhängige Begegnung mit Fels, Eis, Luft und der Natur. Und um diese zu erleben, muss das Ziel nicht Mount Everest heißen.

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