Heute vor 40 Jahren: Günther Messner stirbt am Nanga Parbat

bergleben.de am 29.06.2010 - 12:20 Uhr
Heute vor 40 Jahren: Günther Messner stirbt am Nanga Parbat © XnX GmbH
Es ist das am meisten diskutierte Bergsteiger-Drama der Geschichte. Vor genau 40 Jahren starb Günther Messner am Nanga Parbat. Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt und werden es wohl auch für immer bleiben. Dennoch entbrannten nach dessen Tod heftige Diskussionen um die Schuldfrage zwischen seinem Bruder Reinhold Messner, Expeditionsleiter Karl-Maria Herrligkoffer und den restlichen Expeditionsteilnehmern.

Nachberufung ins Expeditionsteam
Günther Messner wurde am 11. Dezember 1946 in Brixen geboren. Zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Reinhold wuchs er im beschaulichen Villnößtal in Südtirol auf. Schön früh entwickelten die beiden ihre Leidenschaft für das Bergsteigen und träumten von den großen Wänden der Alpen und des Himalayas. Im Laufe der 60er Jahre entwickelte sich Günther zu einem der besten Bergsteiger. Jahrelang war er Seilpartner Reinholds, mit dem er äußerst schwierige und vor allem waghalsige Touren in den Alpen kletterte. Dennoch stand er all die Jahre in Reinholds Schatten. Ende 1969 wurde Reinhold von Karl-Maria Herrligkoffer zur Siegi-Löw-Gedächtnisexpedition eingeladen. Günther war zunächst nicht als Teilnehmer vorgesehen. Er wurde erst kurz vor Beginn ins Team berufen, nachdem Peter Habeler und Sepp Mayerl abgesagt hatten.


Die rote Rakete
Die Expedition startete am 8. April 1970. Nach wochenlangen Vorbereitungen und einer Schlechtwetterperiode ging dem Team bereits die Zeit aus, da die Expeditionsgenehmigung abzulaufen drohte. Besseres Wetter eröffnete jedoch eine Chance den Berg doch noch zu besteigen. Laut Plan sollten die Messner-Brüder zusammen mit Gerhard Baur zunächst ins Lager 5, um dann die schwierige Merklrinne mit Fixseilen sichern. Damit sollte der ersten Gipfelseilschaft, bestehend aus Felix Kuen und Peter Schulz, der Aufstieg am nächsten Tag erleichtert werden. Da es im Lager 5 kein Funkgerät gab, vereinbarten die Messners mit Herrligkoffer, dass eine Rakete als Information abgeschossen werden sollte. Entweder eine blaue Rakete als Zeichen für gutes Wetter, bei dieser hätten die Messners die Merklrinne wie geplant sichern sollen oder eine rote Rakete hingegen bedeutete schlechtes Wetter. In diesem Fall hatte Reinhold Messner die Erlaubnis, alleine in Merklrinne hinaufzusteigen und diese zu erkundigen. Trotz guter Wettervoraussichten wurde am Abend des 26. Juni versehentlich eine rote Rakete abgefeuert, da anscheinend die Banderolen vertauscht worden war. Eine blaue Rakete, um die richtige Information zu übermitteln, war nicht mehr vorhanden.

Eine folgenschwere Entscheidung
So machte Reinhold sich am frühen Morgen des 27. Juni alleine auf in die Merklrinne. Unklar ist jedoch ob Messner die Schlüsselpassage nur erkundigen sollte, oder, wie er es selbst darstellte, eine Erlaubnis zum Versuch der Besteigung hatte. Sicher ist, dass Reinhold Messner seinen Bruder und Gerhard Baur anwies, auf jeden Fall im Lager zu bleiben. Während Reinhold in Richtung Gipfel verschwunden war, sicherten Günther Messner und Gerhard Baur den unteren Teil der Merklrinne, bis Günther sich spontan entschied seinem Bruder hinterher zu steigen. Es war ein äußerst gefährlicher Entschluss, da er für einen Gipfelaufstieg nicht gerüstet war. Warum Günther Messner sich ebenfalls zum Aufstieg entschied, ist nicht ganz eindeutig. Laut Baur sagte er kurz vor seiner Entscheidung: "Der Reinhold macht immer, was er will." Auch die spätere Verfilmung "Nanga Parbat" (2010) suggeriert, dass Günther es satt hatte im Schatten seines großen Bruders zu stehen. Gerhard Baur stieg nicht mit hinauf, da er an einer Halsentzündung litt und sich nicht in der Lage dazu sah.

Auf dem Gipfel
Für die folgenden Ereignisse ist Reinhold Messner der einzige Zeuge. Seine Ansichten weichen teilweise jedoch stark von den Vermutungen der restlichen Expeditionsmitglieder ab. Ungefähr vier Stunden brauchte Günther, um seinen Bruder einzuholen. Obwohl Reinhold nicht begeistert war, dass Günther ihm gefolgt war, und diesen anherrschte, brach er die Besteigung nicht ab. Beide schafften es, die Rinne zu durchsteigen und erreichten den Gipfel laut Reinhold gegen 17 Uhr. Dort ließen sie nur einen Steinmann und Reinholds steifgefrorene Überhandschuhe zurück. Zwar machte Günther mit einer Mittelformatkamera Fotos, doch diese gingen mit ihm verloren.

Abstieg ins Unbekannte
Laut Reinhold war Günther plötzlich gegen den Abstieg durch die Merklrinne, da dieser ihm zu schwer erschien. Als einzige Alternative sah Reinhold den Abstieg durch die völlig unbekannte Diamirseite in die Merklscharte. Von dort aus hätte man am nächsten Tag nach Hilfe rufen können oder zurück zur Aufstiegsroute kehren können. So biwakierten sie in der Nähe der Merklscharte, wobei Günther höhenkrank wurde oder bereits war. Die anderen Expeditionsmitglieder bezweifelten diese Version. Sie glaubten, dass Reinhold von Anfang an eine Überquerung geplant hatte, da er ihnen bereits von dieser Idee vorgeschwärmt hätte. Von Günther soll er sich auf dem Gipfel getrennt haben, damit dieser wieder in die Rupalwand zurücksteigt. Messner rechtfertigte die Überquerung damit, dass er nicht damit rechnete, dass andere Bergsteiger zur Hilfe kommen würden, da er immer noch von einer aufkommenden Schlechtwetterfront ausging.

Der letzte Kontakt
Am 28. Juni stiegen Felix Kuen und Peter Scholz in die Merklrinne auf, um den Gipfel zu erreichen. Sie hörten Rufe aus der Merklscharte ca. 80 bis 100 Meter entfernt von ihnen. Es kam zum letzten Kontakt zwischen den beiden Seilschaften. Allerdings wurden sie durch den Wind akustisch behindert und konnten einander kaum verstehen. Reinhold soll Kuens Frage, ob alles in Ordnung sei, obwohl Günther zu diesem Zeitpunkt bereits halluzinierte, bejaht haben. Er verteitigte dies später damit, dass er nicht wollte, dass Kuen und Scholz ihr Leben riskierten, weil der Aufstieg zu ihnen ohnehin unmöglich gewesen sei. Zudem wurden weitere Informationen über die Routenwahl ausgetauscht. Da Günther für die andere Seilschaft nicht zu sehen war, verließen sie sich auf Reinholds Aussage, dass alles in Ordnung sei und setzten ihren Aufstieg fort. Reinhold sah nun den Abstieg durch die unbekannte und extrem lawinengefährdete Diamirflanke als einzig möglichen Ausweg. Laut seiner Aussage konnte Günther zu diesem Zeitpunkt noch selbständig absteigen. Ein zweites Biwak ließ sich jedoch nicht vermeiden.

Günthers Verschwinden
Nachdem die beiden auch dieses Biwak überstanden hatten, stiegen sie weiter ab. Kurz vor der größten Gefahrenzone vereinbarten die beiden sich zu trennen und an der ersten Quelle wieder zu treffen. Günther tauchte jedoch nicht mehr auf und blieb auch nach stundenlanger Suche Reinholds unauffindbar. Ein drittes Mal musste Reinhold am Berg notbiwakieren. Nach der Katastrophe spekulierte er immer wieder, dass Günther durch eine Schnee- oder Eislawine ums Leben gekommen sein muss. Währendessen schickte die Expeditionsleitung einen Boten ins Diamirtal, um dort eine Suchaktion zu starten. Zwar war das Wetter weiterhin gut und eine erneute Gipfelbesteigung möglich, jedoch brach Herrligkoffer die Expedition ab. Hans Saler und Gert Mändl stiegen gegen dessen Anordnung jedoch noch ein weiteres Mal in die Merklrinne, um nach den Brüdern zu suchen.

"Wo ist Günther?"
Reinhold schaffte es ins Diamirtal und ließ sich dort von den Einheimischen notdürftig versorgen. Auf der Reise Richtung Gilgit kam es zum ersten Wiedersehen mit dem Rest des Expditionsteams. Laut mehreren Aussagen waren seine ersten Worte, die er mehrmals wiederholte "Wo ist Günther?".

Streitereien und Gerichtsprozesse
Nach der Expedition kam es zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Messner und Expeditionsleiter Herrligkoffer. Messner warf ihm unterlassene Hilfeleistung vor und zeigte ihn wegen fahrlässiger Tötung an. Herrligkoffer bezichtigte Messner hingegen, seinen Bruder dem Ehrgeiz geopfert zu haben. Vor Gericht verlor Messner alle Prozesse. Zudem konnte Herrligkoffer Messners Buch "Die rote Rakete vom Nanga Parbat" erfolgreich verbieten lassen. Die übrigen Expeditionsmitglieder schwiegen zu diesem Zeitpunkt. Erst 2001, nachdem Messner die Teilnehmer beschuldigte, nichts unternommen zu haben, brachen sie ihr Schweigen und beschuldigten wiederum Messner der Lüge. Erneut kam es zu Gerichtsprozessen, bei denen Messner Teilerfolge feiern konnte. Er unterstellte seinen ehemaligen Kameraden eine Rufmordkampagne gegen ihn und sagte, sie hätten "dasselbe mit mir gemacht wie die Deutschen mit den Juden – no difference". Zudem behauptete er: "Alle Kollegen von damals wünschen mir den Tod". Zu erneuten Diskussionen kam es, als der mit Unterstützung von Reinhold Messner produzierte Joseph Vilsmaier-Film "Nanga Parbat" in die Kinos kam. Dieser erntete harte Kritik für die Darstellung des bereits verstorbenen Expeditionsleiters Karl-Maria Herrligkoffer, sowie Felix Kuen und Paul Scholz als schadenfrohe Gipfelsieger.

Knochenfund am Nanga Parbat
Am 26. Juni 2000 wurde auf ca. 4.300 Metern an der Diamirwand der rechte Wadenbeinknochen eines Mannes gefunden. Eine Untersuchung ergab, dass er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von Günther Messner stammt. Weitere Knochen sowie Ausrüstungsgegenstände wurden 2005 gefunden. Reinhold ordnete diese eindeutig seinem Bruder zu. Laut einer Gewebeprobe stammten auch die Gebeine aus dem neuerlichen Fund von Günther Messner. Reinhold sah darin die Bestätigung seiner Version der Geschichte. Für die damaligen Expeditionsteilnehmer hingegen sprachen die Funde gegen Messners Ansichten. So hätte die Leiche vom Gletscher über die Jahre bis ins Tal gespült werden müssen, wenn Günther wirklich im unteren Teil der Diamirflanke gestorben wäre. Tatsächlich beweisen die Funde nur, dass Günther Messner irgendwo auf der Diamirflanke ums Leben kam. Zudem kritisierten sie das Vorgehen Reinhold Messners. Dieser ließ die Ausrüstungsstücke und die Knochen noch vor Ort verbrennen und verhinderte somit die objektive Nachprüfung der Gebeine. Die wirkliche Todesursache Günther Messners wird wohl nie nachgewiesen werden können. Somit bleibt der Tod des damals 23-Jährigen am Nanga Parbat das wohl am heftigsten diskutierte Bergsteiger-Drama der Geschichte.

Im Jahr des 40-jährigen Todestages von Günther Messner ist das Buch "Nanga Parbat: Das Drama 1970 und die Kontroverse" von Jochen Hemmleb erschienen. Der Autor sichtet und analysiert alle Daten und Fakten und lässt zudem alle Beteiligten zu Wort kommen. Eine umfassende und unabhängige Darstellung der tragischen Geschehnisse am Nanga Parbat 1970. Mehr Informationen zu dem Buch bekommt ihr hier.

Quellen:
- Jochen Hemmleb: "Nanga Parbat: Das Drama 1970 und die Kontroverse" (Tyrolia Verlag)
- Bücher von Reinhold Messner
- www.spiegel.de
- www.alpin.de
- www.wikipedia.org

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