Interview mit Günter Breuer: "Das Ende des Booms ist noch nicht absehbar..."
bergleben.de am 12.11.2008 - 14:59 Uhr
Dr. Günter Breuer ist Diplom-Sportlehrer und Doktor der Sportwissenschaft. Er ist seit ca. 30 Jahren dem Bereich Sport und Sportstätten verbunden. Nach dem Studium in Aachen und Köln und der Mitarbeit in mehreren Forschungsprojekten war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der IAKS tätig, verfasste Planungsgrundlagen und arbeitete an der Erstellung zahlreicher Planungsgrundlagen und Orientierungsrichtlinien mit. 1997 reichte er die Dissertation „Sportstättenbedarf und Sportstättenbau“ an der Deutschen Sporthochschule Köln ein. Als Sportwissenschaftler war er mehrere Jahre am Institut für Sportsoziologie der DSHS Köln beschäftigt. Seit 1999 ist er geschäftsführender Gesellschafter der ZAK GmbH. Fachkompetenz hat er in den Bereichen Sport und Raum, kommunale und regionale Sport(stätten)entwicklungsplanung, Sport-Facility-Management, Trendsport sowie Sportarchitektur und Sportgeräteentwicklung. Mit mountains2b.com sprach Günter Breuer über den Kletterhallenboom.
Seit Anfang der Neunziger ist die Verbreitung von Kletterhallen für einen Aufschwung der Sportart zum Breitensport mitverantwortlich. Wie kam es zu dem Trend, Klettern auch indoor zu betreiben?
Zunächst ist zu sagen, dass das Hallenklettern Anfang der Neunziger einen sehr großen Boom erfahren hat. Das ist auch an den Mitgliederzahlen des DAV zu sehen, die Anfang der Neunziger stark wuchsen, dann nach dem ersten Aufschwung in diesem Bereich rückläufig waren und nun seit 1997 stetig wachsen. Dieser Trend ist dadurch zu erklären, dass zum einen der Sport in den Medien vertreten war und zum anderen die bautechnischen Entwicklungen die Erstellung von künstlichen Kletterwänden, die durch anderes Material auch weniger Gewicht hatten, ermöglichte. Durch Modulwände und spezielle Baustoffe war es möglich, Kletterhallen überall zu errichten und die Sportart auch denen zugänglich zu machen, die keine Berge vor der Haustür haben.
Warum ist das Indoor-Klettern so beliebt, was ist das Besondere an der Sportart, was fasziniert die Menschen daran?
Schon bei kleinen Kindern kann man beobachten, dass sie auf Stühle oder ähnliches klettern. Dieses Bewegungsmuster und die Neugierde scheint ein Urantrieb des Menschen zu sein. Man klettert irgendwo hinauf, um von dort mehr zu sehen, als man von unten sieht. Das Besondere in der Halle ist, dass man hier mit den Griffsorten und –formen die Kletterroute für seine Bedürfnisse herrichten kann. Draußen hat man ganz andere Anforderungen an die Fähigkeiten. Das heißt jedoch nicht, dass Indoor-Kletterer nicht nach draußen gehen würden, ganz im Gegenteil: Hallenkletterer gehen über kurz oder lang raus in die Natur und Felskletterer gehen im Winter auch in die Halle.
Sind Kletterer heutzutage noch freiheitsliebende, eher alternativ denkende Menschen wie es noch vor 20 Jahren war oder ist Klettern mittlerweile eine "Jedermannsportart"?
Aus meiner Sicht waren früher Kletterer, auch dadurch, dass sie sich auf den Hütten trafen und dort viel Zeit verbrachten, eine eingeschworene Gemeinschaft. Heute wird Klettern in der Schule unterrichtet, viele Kletterer haben mit Alpinismus nichts mehr zu tun, betreiben den Sport nur in der Halle. Es wird geklettert um der Bewegung willen, nicht vorrangig wegen des Naturerlebnisses. Auch beim Bouldern geht es nur darum, die Form des Kletterns zu verfeinern. Man kann also festhalten, dass die Zielgruppen vielfältiger geworden sind. Ob manche Gruppen nun die Motive der freiheitsliebenden Klettergemeinschaft übernehmen, also Motivstrukturen sich vermischen, kann ich natürlich nur vermuten.
Auch Schulen bieten immer häufiger Ausflüge in Kletterhallen oder sogar ganze Jahreskurse an. Sehen Sie dies als positiven Nebeneffekt der Verbreitung von Kletterhallen an?
Hier gibt es mehrere Sachen zu beachten. Erstens ist die Kletter-Ausbildung in den Hochschulen erst seit wenigen Jahren verbreitet, so dass es bisher auch nicht die große Masse an Lehrern gab, die Klettern als Schulsport überhaupt lehren durften. Heute hat sich das geändert, Lehrer können und wollen das Klettern unterrichten und haben mittlerweile meist auch eine geeignete Halle in der Nähe. Zudem ist der Sport heute auch in vielen Lehrplänen integriert. Für das Klettern und die Kletterhallen ist die Einbindung in den Schulalltag natürlich als positiv einzuschätzen.
In welcher Ausprägung sehen Sie das Hallenklettern in 10 Jahren? Wird der Trend weitergehen, was wird ihn evtl. stoppen?
Viel hängt von der Positionierung des Deutschen Alpenvereins als übergeordneter Verband ab. Wenn es der DAV schafft, die Hallenkletterer zu integrieren und die spezielle Disziplin anerkennt, könnte eine Synergie entstehen, die dazu führt, dass die Sportart weiter boomen wird. Als Vergleichsbeispiel kann man hier vielleicht den Deutschen Volleyballverband nennen, der die Beachvolleyballer erfolgreich aufgenommen hat. Zudem stellt sich die Frage, ob Klettern als Hallensport auch olympisch werden kann. Auch entsprechende Medienberichte würden zu größerer Popularität führen, insbesondere bei den Jugendlichen. Derzeit beobachte ich, dass der Alpenverein durchaus gewillt ist, hier einiges zu tun und die Verbreitung von Kletterhallen in den Sektionen vorantreibt. Daher gehe ich davon aus, dass der Boom in den nächsten zehn Jahren weitergehen wird. Wann eventuell eine Sättigung erreicht wird, ist derzeit nicht abzusehen.
Welches ist das Zukunftsmodell der rentablen und damit erfolgreichen Kletterhalle: familiär & persönlich, auf das Klettern spezialisiert oder multisportiv, mit Zusatzangeboten, groß, hoch und modern?
Das kann man natürlich nicht allgemein formulieren. Es ist eine standortspezifische Frage, je größer die Nachfrage an Kletterern, desto multisportiver und mit mehr Angeboten versehen sollte das Angebot sein. Eine kleine familiäre Halle ist in einer Großstadt mit Sicherheit nicht zu empfehlen. Eine große Halle mit vielen Sportmöglichkeiten schließt ja auch nicht aus, dass Kletterer gemütlich beim Kaffee zusammensitzen und fachsimpeln. Die Gruppe ist nun mal heterogener geworden, so dass mehr Interessen befriedigt werden wollen. Grundsätzlich sollte man auf jeden Fall vor der Planung einer Kletterhalle eine entsprechende Machbarkeitsstudie durchführen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Weiter in Folge 1: Kommentar: "Ganz schön voll hier...!"
Publikationen von Günter Breuer im Bereich „Künstliche Kletterwände“ und „Freeclimbing“:
Breuer, G. (1992): Kunstfelsen und schlüsselfertige Kunstlandschaften liefern ein der Natur identisches Ambiente. sportstättenbau und bäderanlagen, 26 (2), 160.
Breuer, G. (1992): Künstliche Kletterwände/-felsen – Planung und Bau. sportstättenbau und bäderanlagen, 26 (5), M153-M169.
Breuer, G. (1993): Kletterwände - Planung und Bau künstlicher Kletterwände/-felsen. Schule & Sportstätte, 28 (2), 6-19.
Breuer, G. (1994): Künstliche Kletterwände/-felsen – Planung und Bau. Teil II. sportstättenbau und bäderanlagen, 28 (5), M185-M197.
Breuer, G. (1999): TrendSport: Inline-Skating, Freeclimbing, Beachsport. Landschaftsarchitektur, 29 (9), 14-16.
Breuer, G. & Sander, I. (2003): Die Genese von Trendsportarten im Spannungsfeld von Sport, Raum und Sportstättenentwicklung. Hamburg: Czwalina. (Freeclimbing , Seiten 63-74).
Seit Anfang der Neunziger ist die Verbreitung von Kletterhallen für einen Aufschwung der Sportart zum Breitensport mitverantwortlich. Wie kam es zu dem Trend, Klettern auch indoor zu betreiben?
Zunächst ist zu sagen, dass das Hallenklettern Anfang der Neunziger einen sehr großen Boom erfahren hat. Das ist auch an den Mitgliederzahlen des DAV zu sehen, die Anfang der Neunziger stark wuchsen, dann nach dem ersten Aufschwung in diesem Bereich rückläufig waren und nun seit 1997 stetig wachsen. Dieser Trend ist dadurch zu erklären, dass zum einen der Sport in den Medien vertreten war und zum anderen die bautechnischen Entwicklungen die Erstellung von künstlichen Kletterwänden, die durch anderes Material auch weniger Gewicht hatten, ermöglichte. Durch Modulwände und spezielle Baustoffe war es möglich, Kletterhallen überall zu errichten und die Sportart auch denen zugänglich zu machen, die keine Berge vor der Haustür haben.
Warum ist das Indoor-Klettern so beliebt, was ist das Besondere an der Sportart, was fasziniert die Menschen daran?
Schon bei kleinen Kindern kann man beobachten, dass sie auf Stühle oder ähnliches klettern. Dieses Bewegungsmuster und die Neugierde scheint ein Urantrieb des Menschen zu sein. Man klettert irgendwo hinauf, um von dort mehr zu sehen, als man von unten sieht. Das Besondere in der Halle ist, dass man hier mit den Griffsorten und –formen die Kletterroute für seine Bedürfnisse herrichten kann. Draußen hat man ganz andere Anforderungen an die Fähigkeiten. Das heißt jedoch nicht, dass Indoor-Kletterer nicht nach draußen gehen würden, ganz im Gegenteil: Hallenkletterer gehen über kurz oder lang raus in die Natur und Felskletterer gehen im Winter auch in die Halle.
Sind Kletterer heutzutage noch freiheitsliebende, eher alternativ denkende Menschen wie es noch vor 20 Jahren war oder ist Klettern mittlerweile eine "Jedermannsportart"?
Aus meiner Sicht waren früher Kletterer, auch dadurch, dass sie sich auf den Hütten trafen und dort viel Zeit verbrachten, eine eingeschworene Gemeinschaft. Heute wird Klettern in der Schule unterrichtet, viele Kletterer haben mit Alpinismus nichts mehr zu tun, betreiben den Sport nur in der Halle. Es wird geklettert um der Bewegung willen, nicht vorrangig wegen des Naturerlebnisses. Auch beim Bouldern geht es nur darum, die Form des Kletterns zu verfeinern. Man kann also festhalten, dass die Zielgruppen vielfältiger geworden sind. Ob manche Gruppen nun die Motive der freiheitsliebenden Klettergemeinschaft übernehmen, also Motivstrukturen sich vermischen, kann ich natürlich nur vermuten.
Auch Schulen bieten immer häufiger Ausflüge in Kletterhallen oder sogar ganze Jahreskurse an. Sehen Sie dies als positiven Nebeneffekt der Verbreitung von Kletterhallen an?
Hier gibt es mehrere Sachen zu beachten. Erstens ist die Kletter-Ausbildung in den Hochschulen erst seit wenigen Jahren verbreitet, so dass es bisher auch nicht die große Masse an Lehrern gab, die Klettern als Schulsport überhaupt lehren durften. Heute hat sich das geändert, Lehrer können und wollen das Klettern unterrichten und haben mittlerweile meist auch eine geeignete Halle in der Nähe. Zudem ist der Sport heute auch in vielen Lehrplänen integriert. Für das Klettern und die Kletterhallen ist die Einbindung in den Schulalltag natürlich als positiv einzuschätzen.
In welcher Ausprägung sehen Sie das Hallenklettern in 10 Jahren? Wird der Trend weitergehen, was wird ihn evtl. stoppen?
Viel hängt von der Positionierung des Deutschen Alpenvereins als übergeordneter Verband ab. Wenn es der DAV schafft, die Hallenkletterer zu integrieren und die spezielle Disziplin anerkennt, könnte eine Synergie entstehen, die dazu führt, dass die Sportart weiter boomen wird. Als Vergleichsbeispiel kann man hier vielleicht den Deutschen Volleyballverband nennen, der die Beachvolleyballer erfolgreich aufgenommen hat. Zudem stellt sich die Frage, ob Klettern als Hallensport auch olympisch werden kann. Auch entsprechende Medienberichte würden zu größerer Popularität führen, insbesondere bei den Jugendlichen. Derzeit beobachte ich, dass der Alpenverein durchaus gewillt ist, hier einiges zu tun und die Verbreitung von Kletterhallen in den Sektionen vorantreibt. Daher gehe ich davon aus, dass der Boom in den nächsten zehn Jahren weitergehen wird. Wann eventuell eine Sättigung erreicht wird, ist derzeit nicht abzusehen.
Welches ist das Zukunftsmodell der rentablen und damit erfolgreichen Kletterhalle: familiär & persönlich, auf das Klettern spezialisiert oder multisportiv, mit Zusatzangeboten, groß, hoch und modern?
Das kann man natürlich nicht allgemein formulieren. Es ist eine standortspezifische Frage, je größer die Nachfrage an Kletterern, desto multisportiver und mit mehr Angeboten versehen sollte das Angebot sein. Eine kleine familiäre Halle ist in einer Großstadt mit Sicherheit nicht zu empfehlen. Eine große Halle mit vielen Sportmöglichkeiten schließt ja auch nicht aus, dass Kletterer gemütlich beim Kaffee zusammensitzen und fachsimpeln. Die Gruppe ist nun mal heterogener geworden, so dass mehr Interessen befriedigt werden wollen. Grundsätzlich sollte man auf jeden Fall vor der Planung einer Kletterhalle eine entsprechende Machbarkeitsstudie durchführen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Publikationen von Günter Breuer im Bereich „Künstliche Kletterwände“ und „Freeclimbing“:
Breuer, G. (1992): Kunstfelsen und schlüsselfertige Kunstlandschaften liefern ein der Natur identisches Ambiente. sportstättenbau und bäderanlagen, 26 (2), 160.
Breuer, G. (1992): Künstliche Kletterwände/-felsen – Planung und Bau. sportstättenbau und bäderanlagen, 26 (5), M153-M169.
Breuer, G. (1993): Kletterwände - Planung und Bau künstlicher Kletterwände/-felsen. Schule & Sportstätte, 28 (2), 6-19.
Breuer, G. (1994): Künstliche Kletterwände/-felsen – Planung und Bau. Teil II. sportstättenbau und bäderanlagen, 28 (5), M185-M197.
Breuer, G. (1999): TrendSport: Inline-Skating, Freeclimbing, Beachsport. Landschaftsarchitektur, 29 (9), 14-16.
Breuer, G. & Sander, I. (2003): Die Genese von Trendsportarten im Spannungsfeld von Sport, Raum und Sportstättenentwicklung. Hamburg: Czwalina. (Freeclimbing , Seiten 63-74).
Weiterführende Informationen:
| Website von der ZAK GmbH |







