Interview mit Alexander Huber: "Angst ist überlebensnotwendig"
M2b Redaktion am 27.01.2009 - 11:06 Uhr
Wir haben jetzt über Deine Kindheit gesprochen, Eure aktuellen Projekte sind ebenfalls in aller Munde. Was ist in den Jahren dazwischen passiert? Hat das Bergsteigen und die Liebe zur Natur beispielsweise auch Einfluss auf Deinen beruflichen Werdegang gehabt? Du hast ja Physik studiert.
Als Thomas und ich im Alter von 12, 13 Jahren mit dem Klettern begonnen haben, hat uns das total fasziniert. Wir waren beide völlig begeistert und vollkommen fanatisch, so wie man halt nur als Jugendlicher sein kann, wenn man sich für einen Sport begeistert. Das hat natürlich eine Steigerung der Kletterleistung mit sich gebracht und wir wollten uns auch permanent pushen in diese Richtung. Es war eine unheimlich geile Zeit so als junger Stürmer und Dränger einfach Vollgas zu geben, das Bergsteigen und sein eigenes Können auszuloten, und das was man psychisch zu leisten in der Lage ist. Uns ist auch nicht annähernd in den Sinn gekommen, diesen Sport jemals professionell auszuüben. Wir haben einfach versucht, es so gut wie möglich zu machen, um ein besonderes Erlebnis mit nach Hause zu bringen. Es macht schon einen Unterschied, ob man an seine Grenzen geht oder nicht. Das Erlebnis ist viel intensiver, wenn du deine Grenzen auslotest. Irgendwann war ich dann mit der Schule fertig und habe meinen Zivildienst als Rettungsassistent gemacht. Da habe ich dann feststellen müssen, dass mein erstes angestrebtes Ziel, nämlich Medizin zu studieren vielleicht doch nicht das richtige für mich ist. Daher habe ich mich dann für mein Naturtalent entschieden und das sind die Naturwissenschaften, vor allem die Physik. Ich habe also Physik studiert und mein Studium sehr zielgerichtet verfolgt – nach dem Minimum-Maximum-Prinzip, also minimaler Aufwand, maximaler Erfolg. Es war für mich auch ganz wichtig, dass ich das Physikstudium so gut wie möglich abschließe – was mir auch gelungen ist, auf meinem Physikdiplom steht sehr gut – denn mein Abschluss in dieser Qualität hat mir ermöglicht, das auszuprobieren, was ich heute mache. Ich habe direkt im Anschluss an mein Studium als ich mein Diplom in den Händen hielt, nicht angefangen, Bewerbungen zu schreiben, sondern habe mich 1997 selbst in Richtung Berge los geschickt und mit Thomas eine Expedition in den Himalaya gemacht. Wir haben einen fantastischen Erfolg mit nach Hause gebracht, der uns auf der internationalen Bühne noch weiter verankert und bekannt gemacht hat. Wir wurden auf einmal ganz anders wahrgenommen. Bis dahin waren wir eher bekannt als die Kletterer, sei es zu Hause in den Alpen oder im Yosemite Valley, aber dass wir tatsächlich auch in den ganz großen Bergen der Welt Erfolg haben können, das haben viele erst gar nicht begreifen können, weil sie ja den Hintergrund nicht kannten, wo wir eigentlich herkommen. Für viele waren wir immer die Kletterspezialisten, aber dass wir tatsächlich auch als Bergsteiger im hochalpinen Gelände aufgewachsen sind, das war halt bis dahin nicht bekannt. Danach gab ich mir zwei Jahre Zeit, als Bergsteiger professionell Fuß zu fassen. Das wichtigste für mich in diesem Zusammenhang war, dass ich den Reinhold Messner 1986 live erleben konnte, wie er die Vorträge hält, und ich habe eigentlich ziemlich schnell kapiert, dass das die Grundlage eines Bergsteigers ist, um von seiner Passion leben. Ich trenne auch das Bergsteigen ganz strikt von meinem Beruf. Bergsteigen ist nach wie vor meine Passion, meine Leidenschaft, die mir gleichzeitig die Basis bietet, um meinen Beruf auszuüben. Und mein Beruf ist schlicht und einfach meine Erlebnisse in der Bergwelt an die Öffentlichkeit zu bringen, durch Schreiben von Artikeln, Veröffentlichen von Büchern und vor allem durch Vorträge.
Wie viel Zeit verbringst Du effektiv pro Tag oder pro Woche draußen am Berg?
Das hängt davon ab, ob ich gerade auf Vortragstour bin. In den Monaten März/April, wo ich 60 Vorträge gehalten habe, war ich natürlich hauptsächlich in den Städten Europas unterwegs. Da kommt man natürlich selten dazu, draußen zu trainieren. Aber da hat man ja heutzutage die Möglichkeit, in Hallen zu gehen, weil mittlerweile jede große Stadt Kletterhallen hat. Dann ist es natürlich ein reines Trainieren, was typischerweise bei uns vier Stunden am Tag ausmacht. Wenn ich klettern gehe oder Zeit zum Klettern habe, weil ich gerade nicht auf Vortragstour bin, ist es tatsächlich so, dass wir fünf Tage die Woche am Klettern sind und wenn man beim Klettern ausrückt, ist man meistens den ganzen Tag unterwegs. Wenn ich Klettern und Bergsteigen als meinen Beruf auffassen würde, dann würde das ja bedeuten, dass ich endlos viel arbeite. Aber wir fassen das ja nicht als unseren Beruf im direkten Sinne auf sondern nach wie vor als unsere Leidenschaft. Von daher haben wir wirklich diesen Traum verwirklicht, unsere Leidenschaft mit unserem Beruf zu verbinden.
Tretet Ihr bei Euren Vorträgen zusammen auf?
Nein, wir treten eigentlich prinzipiell getrennt auf. Es ist auch gut so, weil wir einen sehr unterschiedlichen Vortragsstil haben. Wir sind beide als Vortragsredner recht erfolgreich oder beliebt und trotzdem unterscheiden wir uns. Vorzutragen ist etwas ganz persönliches. Man kann auch keinen Referenten kopieren. Ich habe mir im Laufe der Zeit alle bekannten Referenten angeschaut. Man versucht sich zwar Anregungen zu holen, aber ich kann eins garantieren: man kann es vergessen, einen Referenten zu kopieren. Du musst du selbst sein. Und nur dann kommt’s authentisch und richtig rüber.
Was würdest Du machen, wenn Du aus irgendeinem Grund von heut auf morgen nicht mehr klettern könntest?
Das kann ich nicht sagen. Ich will mich auch mit so einer Situation gar nicht auseinander setzen. Wenn die Situation kommt, werde ich mir ohnehin Gedanken machen müssen und alles das, was ich bereits im Voraus hätte berechnen wollen,
wird dann völlig ungültig sein, weil die Situation so was von neu ist.
Wie setzt Du Dich mit dem Thema Lebensgefahr auseinander? Versucht Du, das eher auszublenden? Du sagst ja selbst, dass die Gefahr sei beim Bergsteigen omnipräsent ist.
Die Gefahr ist beim Bergsteigen prinzipiell omnipräsent und das Wahrnehmen der Gefahr, das Angst in uns auslöst ist ein ganz wichtiges Regulativ. Man kann wirklich sagen, Angst ist überlebensnotwendig, aber nicht nur beim Bergsteigen selbst sondern immer dann, wenn man mit Gefahren zu tun hat. Auch die Straße hier hat mit Gefahr zu tun. Natürlich hat jeder Mensch Angst davor, wenn er über die Straße geht, sein Leben zu verlieren. Was nicht unbedingt heißt, dass man deswegen nervös wird. Als erwachsener Mensch kennt man die Gefahren des Straßenverkehrs, man nimmt die Gefahr wahr, man weiß aber auch wenn man der Gefahr adäquat begegnet, dass man nicht sein Leben verliert. Der Erwachsene konzentriert sich für einen kurzen Moment, schaut nach links und rechts, sieht es kommt kein Auto und geht über die Straße. Ganz anders ist das unschuldige Kleinkind, das die Gefahr des Straßenverkehrs noch nicht erkennt. Da kann es passieren, dass es einfach über die Straße rennt und tödlich überfahren wird. Das ist in etwa der völlig hirnlose, nicht erfahrene, der sich in der Bergwelt bewegt, der vielleicht in diesem Moment gar nicht versteht, dass er sich in einer Gefahrensituation bewegt, und von einem auf den anderen Moment verliert er sein Leben. Klar hatte der in diesem Moment keine Angst, weil er die Gefahr nicht einmal wahrnehmen konnte, aber er hat dann auch die negativen Folgen zu tragen. Ein typisches Beispiel ist in der Bergwelt die Lawinengefahr, wo zum Beispiel über Skilifte Leute in die wilde Bergwelt transportiert werden, die keinen Plan haben, wie gefährlich die Lawinen wirklich sind, die sehen nur einen geilen Pulverschneehang und stürzen sich runter. Wenn sie Glück haben, sind sie völlig sorglos den Hang runter gerauscht und wenn sie Pech haben, geht eine Lawine ab und sie sind tot. Das Wahrnehmen der Gefahr, diese Angst ist meiner Meinung nach ein essentieller Bestandteil des Bergsteigens. Wir gehen schon sehr bewusst damit um, dass wir uns
in Gefahr begeben. Wenn wir das höchste Gut, das wir als Menschen haben, nämlich das Leben, einsetzen, dann kann ich auch ganz sicher sein, dass es ein sehr intensives Leben wird. Allerdings bedeutet das Einsetzen des Lebens nicht, dass wir unser Leben hinwerfen. Gerade weil ich das Leben liebe, setze ich mein Leben ein, um Intensives zu erleben. Trotzdem werde ich aber immer mein Leben mit Händen und Füßen verteidigen.
Hast Du dieses Bewusstsein der Gefahr schon als Kind von Deinen Eltern mitbekommen oder hat sich das erst im Laufe der Jahre aufgrund von Erfahrungen entwickelt?
Unser Vater war in dieser Hinsicht sicherlich unser Mentor, der uns schon in jungen Jahren unsere Guidelines gegeben hat. Aber natürlich haben wir das weiter ausgebaut. Das liegt ja in der Natur der Sache. Ein Mentor kann immer nur die Initiierung geben, ich kann meinem Kind ja auch nicht alles beibringen, was ich selbst gelernt habe, man kann immer nur die Grundlagen legen und dann liegt es an jedem selbst sein Leben zu gestalten. Das war bei uns genauso.
Wie sieht Euer Vater Eure Karriere? Er hatte ja sicher nicht mit einem solchen Werdegang gerechnet.
Unser Vater ist ein so begeisterter Vollgasbergsteiger, wenn es damals die Möglichkeiten gegeben hätte, er hätte es genauso gemacht. Er ist auch ein recht talentierter Bergsteiger, aber er hatte natürlich von den Rahmenbedingungen her nicht die Möglichkeit gehabt, über den kleinen Horizont von zu Hause aus raus zu kommen. Und er für seinen Maßstab macht das auch nicht anders. Er hat noch genauso seine Ziele, die auch Grenzgänge für ihn bedeuten wie für uns. Mein Vater war eigentlich Landwirt, hat aber irgendwann auch seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und arbeitet bis heute als Bergführer. Und solange er noch auf zwei Füßen unterwegs ist, wird er diesen Beruf auch ausüben, weil es ihm soviel Spaß macht. Er ist jetzt mittlerweile 69 Jahre alt. Ich würde mich freuen, wenn es mir vergönnt wäre, im Alter noch so gesund und robust zu sein, dass man noch derart begeistert unterwegs sein kann.
Hier kommt ihr zum dritten Teil des Interviews!
Als Thomas und ich im Alter von 12, 13 Jahren mit dem Klettern begonnen haben, hat uns das total fasziniert. Wir waren beide völlig begeistert und vollkommen fanatisch, so wie man halt nur als Jugendlicher sein kann, wenn man sich für einen Sport begeistert. Das hat natürlich eine Steigerung der Kletterleistung mit sich gebracht und wir wollten uns auch permanent pushen in diese Richtung. Es war eine unheimlich geile Zeit so als junger Stürmer und Dränger einfach Vollgas zu geben, das Bergsteigen und sein eigenes Können auszuloten, und das was man psychisch zu leisten in der Lage ist. Uns ist auch nicht annähernd in den Sinn gekommen, diesen Sport jemals professionell auszuüben. Wir haben einfach versucht, es so gut wie möglich zu machen, um ein besonderes Erlebnis mit nach Hause zu bringen. Es macht schon einen Unterschied, ob man an seine Grenzen geht oder nicht. Das Erlebnis ist viel intensiver, wenn du deine Grenzen auslotest. Irgendwann war ich dann mit der Schule fertig und habe meinen Zivildienst als Rettungsassistent gemacht. Da habe ich dann feststellen müssen, dass mein erstes angestrebtes Ziel, nämlich Medizin zu studieren vielleicht doch nicht das richtige für mich ist. Daher habe ich mich dann für mein Naturtalent entschieden und das sind die Naturwissenschaften, vor allem die Physik. Ich habe also Physik studiert und mein Studium sehr zielgerichtet verfolgt – nach dem Minimum-Maximum-Prinzip, also minimaler Aufwand, maximaler Erfolg. Es war für mich auch ganz wichtig, dass ich das Physikstudium so gut wie möglich abschließe – was mir auch gelungen ist, auf meinem Physikdiplom steht sehr gut – denn mein Abschluss in dieser Qualität hat mir ermöglicht, das auszuprobieren, was ich heute mache. Ich habe direkt im Anschluss an mein Studium als ich mein Diplom in den Händen hielt, nicht angefangen, Bewerbungen zu schreiben, sondern habe mich 1997 selbst in Richtung Berge los geschickt und mit Thomas eine Expedition in den Himalaya gemacht. Wir haben einen fantastischen Erfolg mit nach Hause gebracht, der uns auf der internationalen Bühne noch weiter verankert und bekannt gemacht hat. Wir wurden auf einmal ganz anders wahrgenommen. Bis dahin waren wir eher bekannt als die Kletterer, sei es zu Hause in den Alpen oder im Yosemite Valley, aber dass wir tatsächlich auch in den ganz großen Bergen der Welt Erfolg haben können, das haben viele erst gar nicht begreifen können, weil sie ja den Hintergrund nicht kannten, wo wir eigentlich herkommen. Für viele waren wir immer die Kletterspezialisten, aber dass wir tatsächlich auch als Bergsteiger im hochalpinen Gelände aufgewachsen sind, das war halt bis dahin nicht bekannt. Danach gab ich mir zwei Jahre Zeit, als Bergsteiger professionell Fuß zu fassen. Das wichtigste für mich in diesem Zusammenhang war, dass ich den Reinhold Messner 1986 live erleben konnte, wie er die Vorträge hält, und ich habe eigentlich ziemlich schnell kapiert, dass das die Grundlage eines Bergsteigers ist, um von seiner Passion leben. Ich trenne auch das Bergsteigen ganz strikt von meinem Beruf. Bergsteigen ist nach wie vor meine Passion, meine Leidenschaft, die mir gleichzeitig die Basis bietet, um meinen Beruf auszuüben. Und mein Beruf ist schlicht und einfach meine Erlebnisse in der Bergwelt an die Öffentlichkeit zu bringen, durch Schreiben von Artikeln, Veröffentlichen von Büchern und vor allem durch Vorträge.
Wie viel Zeit verbringst Du effektiv pro Tag oder pro Woche draußen am Berg?
Das hängt davon ab, ob ich gerade auf Vortragstour bin. In den Monaten März/April, wo ich 60 Vorträge gehalten habe, war ich natürlich hauptsächlich in den Städten Europas unterwegs. Da kommt man natürlich selten dazu, draußen zu trainieren. Aber da hat man ja heutzutage die Möglichkeit, in Hallen zu gehen, weil mittlerweile jede große Stadt Kletterhallen hat. Dann ist es natürlich ein reines Trainieren, was typischerweise bei uns vier Stunden am Tag ausmacht. Wenn ich klettern gehe oder Zeit zum Klettern habe, weil ich gerade nicht auf Vortragstour bin, ist es tatsächlich so, dass wir fünf Tage die Woche am Klettern sind und wenn man beim Klettern ausrückt, ist man meistens den ganzen Tag unterwegs. Wenn ich Klettern und Bergsteigen als meinen Beruf auffassen würde, dann würde das ja bedeuten, dass ich endlos viel arbeite. Aber wir fassen das ja nicht als unseren Beruf im direkten Sinne auf sondern nach wie vor als unsere Leidenschaft. Von daher haben wir wirklich diesen Traum verwirklicht, unsere Leidenschaft mit unserem Beruf zu verbinden.
Tretet Ihr bei Euren Vorträgen zusammen auf?
Nein, wir treten eigentlich prinzipiell getrennt auf. Es ist auch gut so, weil wir einen sehr unterschiedlichen Vortragsstil haben. Wir sind beide als Vortragsredner recht erfolgreich oder beliebt und trotzdem unterscheiden wir uns. Vorzutragen ist etwas ganz persönliches. Man kann auch keinen Referenten kopieren. Ich habe mir im Laufe der Zeit alle bekannten Referenten angeschaut. Man versucht sich zwar Anregungen zu holen, aber ich kann eins garantieren: man kann es vergessen, einen Referenten zu kopieren. Du musst du selbst sein. Und nur dann kommt’s authentisch und richtig rüber.
Was würdest Du machen, wenn Du aus irgendeinem Grund von heut auf morgen nicht mehr klettern könntest?
Das kann ich nicht sagen. Ich will mich auch mit so einer Situation gar nicht auseinander setzen. Wenn die Situation kommt, werde ich mir ohnehin Gedanken machen müssen und alles das, was ich bereits im Voraus hätte berechnen wollen,
wird dann völlig ungültig sein, weil die Situation so was von neu ist.
Wie setzt Du Dich mit dem Thema Lebensgefahr auseinander? Versucht Du, das eher auszublenden? Du sagst ja selbst, dass die Gefahr sei beim Bergsteigen omnipräsent ist.
Die Gefahr ist beim Bergsteigen prinzipiell omnipräsent und das Wahrnehmen der Gefahr, das Angst in uns auslöst ist ein ganz wichtiges Regulativ. Man kann wirklich sagen, Angst ist überlebensnotwendig, aber nicht nur beim Bergsteigen selbst sondern immer dann, wenn man mit Gefahren zu tun hat. Auch die Straße hier hat mit Gefahr zu tun. Natürlich hat jeder Mensch Angst davor, wenn er über die Straße geht, sein Leben zu verlieren. Was nicht unbedingt heißt, dass man deswegen nervös wird. Als erwachsener Mensch kennt man die Gefahren des Straßenverkehrs, man nimmt die Gefahr wahr, man weiß aber auch wenn man der Gefahr adäquat begegnet, dass man nicht sein Leben verliert. Der Erwachsene konzentriert sich für einen kurzen Moment, schaut nach links und rechts, sieht es kommt kein Auto und geht über die Straße. Ganz anders ist das unschuldige Kleinkind, das die Gefahr des Straßenverkehrs noch nicht erkennt. Da kann es passieren, dass es einfach über die Straße rennt und tödlich überfahren wird. Das ist in etwa der völlig hirnlose, nicht erfahrene, der sich in der Bergwelt bewegt, der vielleicht in diesem Moment gar nicht versteht, dass er sich in einer Gefahrensituation bewegt, und von einem auf den anderen Moment verliert er sein Leben. Klar hatte der in diesem Moment keine Angst, weil er die Gefahr nicht einmal wahrnehmen konnte, aber er hat dann auch die negativen Folgen zu tragen. Ein typisches Beispiel ist in der Bergwelt die Lawinengefahr, wo zum Beispiel über Skilifte Leute in die wilde Bergwelt transportiert werden, die keinen Plan haben, wie gefährlich die Lawinen wirklich sind, die sehen nur einen geilen Pulverschneehang und stürzen sich runter. Wenn sie Glück haben, sind sie völlig sorglos den Hang runter gerauscht und wenn sie Pech haben, geht eine Lawine ab und sie sind tot. Das Wahrnehmen der Gefahr, diese Angst ist meiner Meinung nach ein essentieller Bestandteil des Bergsteigens. Wir gehen schon sehr bewusst damit um, dass wir uns
in Gefahr begeben. Wenn wir das höchste Gut, das wir als Menschen haben, nämlich das Leben, einsetzen, dann kann ich auch ganz sicher sein, dass es ein sehr intensives Leben wird. Allerdings bedeutet das Einsetzen des Lebens nicht, dass wir unser Leben hinwerfen. Gerade weil ich das Leben liebe, setze ich mein Leben ein, um Intensives zu erleben. Trotzdem werde ich aber immer mein Leben mit Händen und Füßen verteidigen.
Hast Du dieses Bewusstsein der Gefahr schon als Kind von Deinen Eltern mitbekommen oder hat sich das erst im Laufe der Jahre aufgrund von Erfahrungen entwickelt?
Unser Vater war in dieser Hinsicht sicherlich unser Mentor, der uns schon in jungen Jahren unsere Guidelines gegeben hat. Aber natürlich haben wir das weiter ausgebaut. Das liegt ja in der Natur der Sache. Ein Mentor kann immer nur die Initiierung geben, ich kann meinem Kind ja auch nicht alles beibringen, was ich selbst gelernt habe, man kann immer nur die Grundlagen legen und dann liegt es an jedem selbst sein Leben zu gestalten. Das war bei uns genauso.
Wie sieht Euer Vater Eure Karriere? Er hatte ja sicher nicht mit einem solchen Werdegang gerechnet.
Unser Vater ist ein so begeisterter Vollgasbergsteiger, wenn es damals die Möglichkeiten gegeben hätte, er hätte es genauso gemacht. Er ist auch ein recht talentierter Bergsteiger, aber er hatte natürlich von den Rahmenbedingungen her nicht die Möglichkeit gehabt, über den kleinen Horizont von zu Hause aus raus zu kommen. Und er für seinen Maßstab macht das auch nicht anders. Er hat noch genauso seine Ziele, die auch Grenzgänge für ihn bedeuten wie für uns. Mein Vater war eigentlich Landwirt, hat aber irgendwann auch seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und arbeitet bis heute als Bergführer. Und solange er noch auf zwei Füßen unterwegs ist, wird er diesen Beruf auch ausüben, weil es ihm soviel Spaß macht. Er ist jetzt mittlerweile 69 Jahre alt. Ich würde mich freuen, wenn es mir vergönnt wäre, im Alter noch so gesund und robust zu sein, dass man noch derart begeistert unterwegs sein kann.
Hier kommt ihr zum dritten Teil des Interviews!
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