Interview mit David Lama: "Wir wollen den Cerro Torre freiklettern"

bergleben.de am 04.11.2009 - 16:29 Uhr
Interview mit David Lama © Red Bull
Gerhard Gstettner vom Ötztal Tourismus interviewte David Lama im Vorfeld zu seiner Expedition nach Patagonien, die der österreichische Spitzenkletterer Ende November zusammen mit Daniel Steuerer startet...

Gerhard Gstettner: Was ist das Reizvolle am Cerro Torre?
David Lama: Früher war für die Alpinisten der Gipfelsieg das große Ziel. Wie man diesen jedoch erreichte stand eher im Hintergrund – so wurden zur Fortbewegung auch technische Hilfsmittel, wie Haken, Trittleitern usw. verwendet. Am Cerro Torre wurde sogar mit Hilfe eines Kompressors eine ganze Bohrhackenpiste eingerichtet um erst eine Besteigung zu ermöglichen. Heutzutage legen Alpinisten immer mehr Wert darauf wie man den Gipfel erreicht. Daniel und ich haben uns eine freie Begehung des Cerro Torre zum Ziel gesetzt. Das bedeutet, dass wir uns ausschließlich an natürlichen Strukturen, wie Eis und Fels fortbewegen werden – Haken dienen dabei rein als Sicherungsmöglichkeit. Einige haben eine solche Begehung an diesem imposanten Berg bereits versucht. Eine durchgehende Begehung ist jedoch bis heute nicht gelungen. Das ist wohl Reiz genug, immerhin gilt der Cerro Torre unter vielen Alpinisten als der schwierigste Berg der Welt.

Gerhard Gstettner: Das klingt gefährlich. Hast du Angst?
David Lama: Es wird immer wieder kritische und gefährliche Situationen geben. Speziell der Eisschlag im Gipfelbereich ist nicht zu unterschätzen. Die Kunst ist es aber diese Gefahren möglichst weit zu minimieren. Was mich wesentlich mehr beschäftigt ist die Dauer der Expedition. Ich werde 3 Monate durchgehend mit ein und der selben Person auf engsten Raum leben. Daniel ist zwar einer meiner besten Freunde, aber Spannungen sind hier trotzdem vorprogrammiert.


Gerhard Gstettner: Was ist das Schwierige am Cerro Torre?
David Lama: Insgesamt klettern wir 900 Höhenmeter. Die letzten Seillängen sind sicher die schwierigsten. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Felskletterei im 9ten oder sogar im unteren 10ten Schwierigkeitsgrad, aber so genau kann ich das noch nicht sagen. Als Höhepunkt wartet dann der 70 Meter hoher Gipfeleispilz. Abgesehen davon ist aber das Wetter das Hauptproblem. Patagonien ist als sturmumtostes Gebiet bekannt und in den 100 Tagen, die wir dort verbringe, rechnen wir mit nur sehr wenigen Schönwettertagen. Laut Erfahrungen einiger meiner Bergsteigerkollegen, können wir uns mit 15 Schönwettertagen schon glücklich schätzen.


Gerhard Gstettner: Am Felsen bist du ja Experte – aber im Eis?
David Lama: Das ist einer der Gründe, warum Daniel für mich der richtige Partner ist – er ist im Eis wesentlich erfahrener als ich und er hat auch andere Eigenschaften, die die meinen perfekt ergänzen.

Gerhard Gstettner: Stört es Daniel, dass du im Mittelpunkt dieser Expedition stehst?
David Lama: Nein - bei den Expeditionen braucht es immer einen Entscheidungsträger, aber wir sprechen uns natürlich schon ab. Daniel klettert ja schließlich auch schon gleich lange wie ich und war früher auch im Wettkampf erfolgreich.

Gerhard Gstettner: Welche Rolle spielt das Wetter?
David Lama: Wie zuvor schon erwähnt spielt das Wetter eine entscheidende Rolle. Vor allem der Wind setzt einem ordentlich zu und zur freien Begehung brauchen wir mindestens 2 schöne Tage hintereinander. Am ersten muss das ganze Eis von der Wand abschmelzen, so dass wir am zweiten möglichst schnell vorwärts kommen.

Gerhard Gstettner: Wer dokumentiert das Ganze?
David Lama: Um so ein Projekt zu dokumentieren bedarf es einer umfangreichen logistischen Planung. Wir haben ein erfahrenes Team, das zusätzlich von 2 Bergführern unterstützt wird, so dass Daniel und ich komplett unabhängig von ihnen unser Ziel verfolgen können. Vielleicht wird es sogar Aufnahmen aus einem Helikopter geben. 100% sicher ist das aber noch nicht.

Gerhard Gstettner: Könnte dir der Helikopter dann nicht dein ganzes Klettermaterial zum Einstieg transportieren?
David Lama: Theoretisch schon, aber das geht genau gegen Daniels und meine Einstellung. Wir werden jeden unserer 250kg an Material selbst hinein und wieder hinaus tragen. Grundsätzlich wollen sowohl wir, als auch das Doku-Team so wenig Spuren wie möglich in dieser einzigartigen Landschaft hinterlassen.

Gerhard Gstettner: Dann wünsche ich dir viel Erfolg und freue mich auf ein Wiedersehen im Ötztal.
David Lama: Danke, ciao.

Quelle: http://blog.soelden.com/index.php/2009/11/03/david-lama-und-der-cerro-torre/