Husarenritt auf dem Diente Blanco: Florian Hill eröffnet "Neufundland"

bergleben.de am 30.06.2010 - 10:07 Uhr
Husarenritt auf dem Diente Blanco: Florian Hill eröffnet © www.florianhill.blogspot.com
Florian Hill ist mit seinem Expeditionsteam weiter in Bolivien unterwegs. Nachdem er bereits am Serkhe Khollu erfolgreich einen neue Route eröffnet hatte, gelang ihm dies zusammen mit Stefan Berger und Robert Rauch am Diente Blanco (5.250 m) erneut. Dabei mussten die drei für ihre 18-stündige Tour an ihre Grenzen gehen. Hier könnt ihr Florians Bericht zur Routeneröffnung nachlesen:

"Auf dem Weg zum Condoriri-Basislager
Abseits von dem ausgetretenen und steinigen Normalweg, wandere ich alleine an einem tiefer gelegenen Flussbett entlang. Ähnlich wie in einem Adersystem schlängeln sich wilde Bäche durch saftig-grüne Graslandschaft. Meine Bergstiefel auf dem Rucksack befestigt, tasten sich meine nackten Füße vorsichtig voran. Kühles Nass umspült meine warmen Fußsohlen, die auf Moos treten, welches sich wie ein Schwamm mit Wasser vollgesogen hat. Ich spüre jede Unebenheit und genieße das Gefühl mit der Natur im Einklang zu sein.

Als ich mich auf einem großen Stein setzte und meine Augen zusammenkneife, flimmern unscharf am Horizont die Gipfel der nördlichen Königskordillere an mir vorüber. Schließe ich meine Augen ganz, hasten abertausend Bilder an der Innenseite meiner Augenlider vorbei. Als ich meine Augen wieder öffne, kann ich die klare und anmutende Schönheit der Gipfel erblicken, welche sich vor mir in den Himmel empor strecken.


Ankunft im Basislager
Kurze Zeit später erreichen Stefan, Robert und ich das Basislager der Condoriri-Gruppe. Hier haben sich in einer bunten Zeltlandschaft Bergsteiger aller Nationen zusammen gefunden. Die meisten von ihnen werden die klassischen Anstiege auf den Gipfel vom Pequeno Alpamayo (5.370 m) bewältigen. Auch das "Matterhorn der Anden", der Condoriri Peak (5.600 m), ist beliebtes Ziel von Seilschaften aus aller Welt. Die ungewohnte Situation auf so viele Menschen zu treffen, erscheint mir als Chance, neue Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen.

Bereits wenige Stunden später sitzen wir im Zelt einer Seilschaft aus Patagonien und schlürfen deren herb schmeckendes Nationalgetränk - Mate Tee. Traditionell wird der Mate Tee aus dem Endteil eines ausgehöhlten Flaschenkürbisses getrunken. Nach Schätzungen trinken etwa 80% der argentinischen Bevölkerung mindestens einmal pro Woche Mate, der Jahreskonsum beträgt immerhin 6,4 kg pro Kopf.

Newfoundland - Neuland!
Am nächsten morgen reißt mich der Wecker viel zu früh aus meinem Halbschlaf. Die Augen einmal offen fühle ich mich voll konzentriert und schlupfe bei Minusgraden in meine Funktionskleidung, die ich über Nacht im Schlafsack bereits vorgewärmt habe. Ich kann hören wie Stefan den Kocher zum laufen bringt um genügend Wasser für die Tour abzukochen, das wir später ins unsere Thermoskannen füllen.

Nach einem leisen "Buenos Dias" ziehen wir los, um uns wieder einmal in "Neuland" zu wagen, das bevor noch keiner betreten hat. In noch finsterer Nacht stoßen wir auf einen See, der doch ein paar Ufer mehr hat als wir annehmen. Weiter über Geröllfelder die sich üblicherweise am Fuße des Gletschers befinden, können wir bereits in der Dunkelheit unser Testpiece erkennen. Auch wenn wir anfänglich einige Unstimmigkeiten klären müssen, welche Linie wir tatsächlich klettern, setzten wir um Punkt 06.30 Uhr den ersten Pickelschlag in die neue Route auf den Diente Blanco. Die ersten Seillängen kämpft sich Robert durch nicht wirklich vielversprechendes Eis, das im unteren Sektor völlig mit Steinen vermischt ist. Stefan und ich stehen am Stand und zittern vor Kälte – die Sonne wird uns den ganzen Tag keinen einzigen ihrer Strahlen schenken. Ein paar Seillängen weiter oben besticht der Gletscher durch sein charakteristisches blaues Eis, dass mich an Lutsch-Bonbons erinnert. Mit bis zu 95 Grad Steilheit und kompakten guten Eis klettern wir dem Gipfel entgegen.

Unterhalb von der geplanten Schlüsselstelle finden wir ein breites Band, auf dem sich bequem Stand machen lässt. Um keine Zeit zu verlieren, trinken wir viel zu hastig den heißen Tee und belohnen uns mit einem Stück Schokolade, das unsere einzige essbare Nahrung bleiben wird.

Das Kletterabenteuer beginnt
Ein gewaltiger Eisüberhang versperrt uns den direkten Weiterweg. Da die nächsten Seillängen an mich fallen, zwingt mich der Eisüberhang zu einem Quergang nach links. Jedoch werde ich links von einem noch unmöglicheren Eisüberhang überrascht, der mit Löchern durchsetzt eine skurrile Gestalt angenommen hat. Ich beschließe Stand zu machen und mich mit Robert und Stefan zu beraten. Danach seile ich ca. 20 m auf ein Schneepodest ab. Was wird uns hier erwarten? Ein Kletterabenteuer beginnt. Als wir alle sicher auf dem Podest stehen und über den weiteren Routenverlauf rätseln, entscheide ich mich eine kombinierte Seillänge zu wagen. Als ich ungefähr zu 50 Metern die beiden Halbseile ausgeklettert habe, bemerke ich die schlechte und luftdurchlöcherte Eisqualität nach dem Mixed-Gelände. Plötzlich stehe ich vor dem Problem keinen soliden Standplatz einrichten zu können, welcher es mir erlaubt, meine Nachsteiger (Stefan und Robert) sicher durch das brüchige Mixed Gelände zu sichern. Ich sehe nur die Möglichkeit über einen fragwürdigen Felskopf eine Bandschlinge mit zwei Eisschrauben zu verbinden, die sich nicht ganz eindrehen lassen. Die kombinierte Seillänge kostet uns wertvolle Zeit, da Stefan und Robert einzeln nachsteigen müssen und zum ersten Mal beschleicht mich das Gefühl, dass wir den Abstieg in Dunkelheit meistern müssen.

Zum Glück stoßen wir jetzt auf leichteres Gelände, das wir in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit seilfrei bewältigen. Auf dem Gipfel des 5.250 m hohen "Diente Blanco" (zu dt. weißer Zahn) angekommen, denken wir noch nicht einmal an das obligatorische Gipfelfoto. Sofort machen wir uns an den Abstieg über den Gletscher, dessen Überquerung in der Dunkelheit nicht gefahrenlos ist.

Bei Dunkelheit über den Gletscher
Jetzt ist es uns allen klar, wir werden bis zur frühen Nacht brauchen, um einen Weg über den mit bis zu 50 m tiefen Spalten durchsetzen Gletscher zu finden. Ich krame nach meiner Stirnlampe, während Stefan nach geeigneten Möglichkeiten sucht, um sichere Eissanduhren zu bauen über die wir abseilen können. Robert sorgt weiter für Furore, als er mir erzählt seine Stirnlampe am Einstieg vergessen zu haben.

Wir müssen erst wieder etwas höher klettern um auf Eis zu treffen, dass eine solide Eissanduhr zulässt. Um sicher zu gehen dass mein Licht nicht in einer heiklen Situation erlischt, wechsele ich meine Batterien in der Stirnlampe vorsichtshalber aus. Wieder einmal wird mir die Wichtigkeit meiner Stirnlampe bewusst. Die nächsten Stunden wird unsere Wahrnehmung durch den Lichtkegel unserer Stirnlampen auf das wesentliche beschränkt.

Statt ein Ende zu nehmen scheint mir der Gletscher sich ins unendliche ausgedehnt zu haben und das Gefühl, irgendwie verloren gegangen zu sein, wechselt sich mit dem der Müdigkeit ab. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass wir bereits 16 Stunden Non-Stop unterwegs sind. Am Einstieg wieder angekommen packen wir unser Material vom Gürtel in die Rucksäcke und schieben unsere ausgelaugten Körper Richtung Basislager.

Nach 18 Stunden zurück im Basislager
Endlich. Wir liegen auf dem Boden in unserem Küchenzelt. Der Kocher bildet die einzige Geräuschkulisse, die auf uns alle einschläfernd zu wirken scheint. Meine Augen fallen immer wieder zu und ich beginne sofort zu träumen. Erst als das Wasser anfängt zu sieden öffne ich meine Augen wieder. Ein Kopfnicken von Stefan verrät mir seine Müdigkeit. Roberts sitzt in sich zusammengesackt, den Kopf zwischen den Ellbogen verschränkt, neben mir und schläft – mit seinen 52 Jahren muss er heute seine Grenze der Belastbarkeit weit überschritten haben...

Jetzt ist mein Kopf leer, meine Gedanken sind frei! Die Welt bewegt sich weiter doch meine Gedanken stehen still."

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