Juwel aus Stein: Der Geiselstein in den Ammergauer Alpen

Walter Hölzler am 09.08.2005 - 15:41 Uhr
Trotz der relativ bescheidenen Höhe ist der Geiselstein (1.884 Meter) der absolute Herrscher im Bereich der Ammergauer Alpen. Von allen vier Seiten zeigt er sich als ein wirklich eleganter, sehr wilder Felsberg und wird deshalb leicht überschwänglich als "Matterhorn der Ammergauer" bezeichnet.

Wie ein Diamant
Alle Anstiege erfordern Kletterei, auch der Normalweg (II) durch die Westwandrinnen. Von keinem Talort ist er in seiner majestätischen Form zu sehen. Zu hoch sind die Gipfel in seinem Umfeld. Umso beindruckender ist es, wenn man nach einer etwa 10 Kilometer langen Fahrradtour durch ein schönes Waldgebiet an eine freie Wiesenfläche (Wankerfleck) gelangt und das erste Mal vor der rund 500 Meter hohen Nordwand des Geiselsteins steht. Wie ein Diamant leuchtet die zu Stein gewordene Pyramide mit seinem hellgrauen Kalkfels in dem lieblichen Kenzental.

Prädikat: Empfehlenswert
Die meisten der Kletterrouten gehören meiner Meinung nach mit dem Prädikat "besonders empfehlenswert" ausgezeichnet. Es gibt wenige der klassischen Touren die ich noch nicht geklettert bin, nie wurde ich enttäuscht. Aus diesem Grund werde ich ein paar Routen vorstellen, die ich mit gutem Gewissen zu den "Schmankerln" zähle.

Talort
Halblech, ein kleiner Ferienort an der Ausmündung des Halblechtales, erreicht man von Füssen im Allgäu über Schwangau (Königsschlösser) und der Ortschaft Buching. Am Ortseingang gibt es einen großen Parkplatz an dem der Kleinbus Verkehr durch das Kenzental bis zur Kenzenhütte und zurück beginnt. Der erste Bus fährt um 8.00 Uhr morgens ins Tal hinein, der letzte Bus bringt die Gäste um 17.00 Uhr von der Kenzenhütte wieder zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Am Wochenende geht es schon um 7.00 Uhr los. Der Fahrpreis beträgt 3,- Euro für die einfache Strecke pro Person bis zum Wankerfleck. Fahrradfahrer können die gute Teerstraße kostenfrei, aber dafür mit eigener Kraft, benutzen.

Übernachtungsmöglichkeit
Die Kenzenhütte liegt am Ende des Kenzentales, nahe des Ausgangspunktes (Wankerfleck) für den Weg zum Geiselstein. Sie ist mit den oben genannten Busverkehr, dem Fahrrad und natürlich zu Fuß von Halblech erreichbar.

Ausgangspunkt
Der eigentliche Ausgangspunkt für den Geiselstein ist der "Wankerfleck" im Kenzental. Von hier geht man in etwa 50 Minuten bis zu den jeweiligen Einstiegen in der Nordwand. Am Besten folgt man dem Wanderweg zum Geiselstein, der direkt unter die Nordwand führt. Fast alle Routen benützen in den ersten Seillängen die "Herzogroute" um in die große Plattenwand zu gelangen.

Der "Herzogweg"
Der "Herzogweg" ist rund 500 Meter lang und wurde bereits 1920 mit geringstem Aufwand erstbegangen. Eine absolute Meisterleistung in wirklich gutem Fels! Nur in Wandmitte gibt es ein paar schrofige Seillängen. Heute ist diese Route saniert und gehört zu den Klassikern im Gebiet. Die Schwierigkeiten liegen im Bereich 4 bis 5.

Der "Peitinger Weg"
Der "Peitinger Weg" bietet eine Wasserrillen-Seillänge, wie ich sie nicht einmal im Velebitgebirge (Top Sportklettergebiet in Kroatien) entdeckt habe. In einem Auswahlführer wurde sie so bezeichnet: "Grandiose Freikletterei mit berühmt gewordener Doppelrille im Schwierigkeitsgrad 6+. Eine zusätzliche Sicherung durch Klemmkeile ist nur selten möglich." Das heißt, es gibt den ein oder anderen runout von ungefähr 20 Meter Länge im sechsten Grad. Hut ab vor den Erstbegehern im Jahre 1949.
Die Route endet auf einem Grasband in Wandmitte. Entweder man quert von dort aus nach rechts zum Normalweg oder nach links zur "Herzogroute" und steigt über diese weiter zum Gipfel auf. Empfehlenswert.

Weitere Routen an der Nordwand
Die anderen Routen in der Nordwand weisen einen ähnlich schönen Charakter auf, sind aber meist etwas besser gesichert und haben nicht die Mega-Wasserrinne. Wichtig zu beachten ist nur, dass man bei trockenen Verhältnissen klettert. Auf Grund der geringen Meereshöhe finden sich immer wieder Graspolster in den Routen die bei Feuchtigkeit unangenehm rutschig werden können.

"Im achten Himmel" und "Zahn der Zeit"
Die Route "Im achten Himmel" ist wiederum als klettertechnische Meisterleistung am Geiselstein einzustufen. Diesmal im modernen Sportkletterstil der Achziger Jahre. Der "Lokal" Markus Lutz stieg 1985 mit dem Spitzenkletterer Peter Gschwendner in den absolut kompakten Pfeiler zwischen Nord- und Ostwand ein. Was dabei heraus kam ist eine technisch und moralisch anspruchsvolle Route im oberen achten Schwierigkeitsgrad. Als Gesamtbewertung wurde sogar der untere Neunte Grad herausgegeben, der bis heute nicht angezweifelt wird. In den kompakten Kalkplatten wurde teils mit Normal- teils mit Bohrhaken gesichert. Klemmkeile sind nicht einsetzbar. Wer sich im Achten Schwierigkeitsgrad sicher fühlt, hat hier eine anspruchsvolle Herausforderung. Etwas humaner geht es links daneben im "Zahn der Zeit" (8+, Einzelstelle) zu. Diese Route ist insgesamt leichter und besser abgesichert. Zum Einstieg beider Routen gelangt man von links über das von unten gut sichtbare Grasband (Pfarrer Geiger Band) in der Ostwand.

"Herbstwind"
Die neueste Kreation heißt "Herbstwind" und zieht etwas rechts des Nordostpfeilers in direkter Linie zum Gipfel. Nach Angaben der Erstbegeher ist der gut mit Bohrhaken gesicherte Weg im Schwierigkeitsgrad 7- absolut lohnend und empfehlenswert. Mehr kann ich noch nicht darüber berichten, werde mich aber bald aufmachen um diese Klassik verdächtige" Route zu inspizieren. Dann gibt es noch mehr Infos von mir.

Abstieg
Vom Gipfel folgt man den Markierungen und Wegspuren über einen kleinen Grat in Richtung Nordosten. Ein Felskessel in der Westwand (von oben gesehen links) bietet eine gestufte Unterbrechungsstelle durch die der Normalweg (II) verläuft. Nach ca. 100 Metern durch die Westwand wird es wieder flacher. Ab hier geht es auf Steigspuren nach links zum Geiselstein Sattel.

Weitere Routen
Weitere schöne Routen vom Schwierigkeitsgrad 3 bis 9- findet man in allen Expositionen des Berges. Wer dazu Informationen sucht findet diese im Auswahlführer "Ammergauer Alpen" vom Panico Verlag.
Weiterführende Informationen:
Route Herbstwind

( Größe: 302 KB)

Geiselstein Nordwand

( Größe: 122 KB)

Im achten Himmel

( Größe: 148 KB)

Geiselstein Herzogweg

( Größe: 146 KB)

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