Hardcore Hiking im Berner Oberland: Eine extreme Wandertour in der Schweiz

bergleben.de am 23.09.2009 - 15:28 Uhr
Hardcore Hiking im Berner Oberland © Sebastian Lindemeyer
Früh morgens klingelt der Wecker, um 5:45 Uhr. Nicht so meine Zeit, aber da muss ich jetzt durch. Fluchs unter die Dusche und ab ins Auto - Proviant, Klamotten, Ausrüstung, alles dabei. Zu zweit düsen wir von unserer Bleibe in Bern nach Reichenbach im Kandertal, von hier nehmen wir zusammen mit etwa vierzig weiteren Wanderern den Postbus Richtung Griesalp, dem Ausgangspunkt unserer Zwei-Tages-Hardcore-Hiking-Bergtour. Es folgt der erste Adrenalinstoß des Tages: Der Weg hinauf zur Griesalp in 1400 Metern Höhe ist die steilste Busstrecke in Europa. Wir stehen natürlich ganz vorne im kleinen Bus, sehen durch die großen Scheiben den Abgrund vor uns und wie hart der Fahrer am Lenkrad zerren muss, um den Bus die Serpentinen hinauf zu quälen. Etwas mulmig wird mir da schon, aber zum Glück erreichen wir um 8:15 Uhr bei Kaiserwetter unseren endgültigen Startpunkt. Nach letzten Vorbereitungen geht es los, trödeln gibt´s nicht, wir haben heute ganz schön was vor: 1600 Höhenmeter bergauf, etwa genauso viele bergab, circa 23 Kilometer Strecke.

Die Pracht des Alpenpanoramas
Es geht zunächst mit mäßiger Steigung Richtung Süden durch die hohen Wälder der Zentralschweiz am nördlichen Alpenrand. An der unteren Bundalp auf 1700 Metern ist es bereits so warm, dass ich froh bin, nur eine kurze Hose anzuhaben. 20 Kilo schleppen wir jeder auf dem Rücken, der Schweiß tropft bei jedem Schritt von meiner Nase. So langsam erreichen wir die Baumgrenze, an der oberen Bundalp zeigt sich uns die ganze Pracht des Alpenpanoramas. Was für ein Anblick! Eine kurze Brotzeit, ein paar Fotos, dann aber schnell weiter. Vor uns liegt der harte Anstieg bis hinauf zur Blümlisalphütte, fast 1000 Höhenmeter geht es noch bergan. Schon bald hat mich mein Cousin Daniel abgehängt, der Typ legt ein unglaubliches Tempo vor – kein Wunder, drahtig wie er ist. Ich hingegen muss mein Tempo etwas drosseln, so langsam merkt man auf dem Kamm in Richtung der Gletscherfelder die Höhenluft. Doch der strahlende Sonnenschein und die Aussicht auf eine Mittagspause in 2840 Metern Höhe beflügeln, überpünktlich noch vor unserem Zeitplan erreichen wir nach hunderten von Treppenstufen am Ende des ersten Aufstiegs die Hütte des Schweizer Alpenclubs. Es bietet sich ein unglaublicher Ausblick auf Blümlisalp, Morgenhorn und Weisse Frau, die schneebedeckten Gletscherfelder ziehen sich über das dunkle Gestein wie Sahne über Schokoladenkuchen. 138 Schlafplätze gibt es in der Blümlisalphütte. Und einen schön ausgebauten Innenbereich. Aber wo andere Wanderer vielleicht einen ruhigen Nachmittag verbringen, hier übernachten und am nächsten Tag weitergehen würden, sind wir bereits nach 30 Minuten wieder auf den Beinen, bereit für den langen Abstieg Richtung Kandersteg.


Ein Paradies am Oeschinensee
Lang zieht sich der Schotterweg an der Südflanke des Dündenhorns nach Süden. Bergab halte ich gut mit meinem Cousin mit, auch wenn er, wir haben es gezählt, 65 Schritte macht, wo ich 100 mache. Wie kann man nur so lange Beine haben? Vorbei geht es am Oberbärgli, am Unterbärgli, schließlich erreichen wir nach einem Stopp am Gletscherfluss und einer Sonnenpause im Angesicht der imposanten Steilwand an der östlichen Seeseite das Ufer des Oeschinensees (1522 M.ü.M.). Es ist ein traumhafter Ort oberhalb von Kandersteg. Zwischen Nadelbäumen und Kastanien legen wir am Nachmittag unsere Rucksäcke ab und nehmen ein Bad im überraschend angenehmen Nass. Warm ist der See nicht, aber dafür umso klarer und erfrischender. Als wir unsere Rucksäcke wieder aufhaben, starten wir mit vielen Touristen, die von Kandersteg den kurzen Ausflug zum Oeschinensee angetreten haben, auf die letzten 350 Höhenmeter bis hinunter in den Ort.

Wann sind wir endlich da?
Nach einer Stunde verliere ich langsam die Lust, weiß ich doch, dass wir unsere Übernachtungsgelegenheit nicht in Kandersteg, sondern noch einmal fünf Kilometer weiter im Waldhaus geplant haben. Doch kaum haben wir die Straße von Kandersteg Richtung Süden verlassen, um noch 200 Höhenmeter durch eine Verengung des Kandertals zu wandern, da wird die Müdigkeit meiner Beine von der Gischt und dem tosenden Donner der Kander weggespült. Mit unglaublicher Wucht sucht sich der Fluss seinen Weg nach Norden, der Wanderweg führt unmittelbar an dem Naturschauspiel entlang. Oben angekommen zeigt sich das große Flussbett der Kander, Nadelwälder erinnern an Südeuropa und in der untergehenden Sonne laufen wir die letzten Meter zum Waldhaus. Nach 9,5 Stunden harten Marsch werfen wir unsere Rucksäcke in das spartanische Bettenlager, dass wir glücklicherweise alleine bewohnen, und fallen nach einem leckeren Abendessen so früh ins Bett, wie schon seit 15 Jahren nicht mehr – ein anstrengender, aber wundervoller Tag geht zu Ende.

Tag 2: Auf dem Weg zum Lötschenpass
Am Morgen wachen wir erst nach über 12 Sunden Schlaf auf. Leider ist das Frühstück genauso spartanisch wie das Bettenlager, aber das macht uns nicht viel aus. Wir sind bereit für den zweiten Tag, der noch härter werden soll als der erste. Das Ziel: zum Lötschenpass und von dort nach Goppenstein und mit dem Zug zurück nach Reichenbach. 8:30 Stunden soll der Fußweg dauern. Na dann mal los. Es geht zunächst durch das schöne Tal, ein gemütlicher Spaziergang über eine Stunde, bis wir rechts abbiegen und urplötzlich nur noch steil bergauf laufen. Der Weg ist malerisch durch den Schleifwald bis hinauf zur Gfelalp auf etwa 1850 Metern Höhe. Ich fühle mich bis hierhin gut, wir legen ein hohes Tempo vor. Doch schon kurz nachdem wir den Wald hinter uns lassen und das wunderschöne Plateau unterhalb des Schönbuel erreichen, meldet sich der Mann mit dem Hammer. Nur noch langsam schreite ich voran, "pole, pole - langsam, langsam" wie damals bei der einfachen Besteigung des Kilimandscharos. Doch das ist kein Problem, bis hierhin waren wir etwa doppelt so schnell wie vorgegeben, so dass das gemächliche Trekking bis zum Lötschengletscher uns nicht in die Bredouille bringt. Kurz bevor die Gletscherquerung ansteht, überholen wir die ersten Wanderer, denen wir an diesem Tag begegnen – es ist ein blinder Mann mit seiner Frau und natürlich dem Hund. Man kann nur Bewunderung für dessen Leistung übrig haben – denn der Weg hinauf zur Lötschenpasshütte ist mehr als langweiliges Wandern, es ist anspruchsvoll mit schweren Steigungen und nicht zuletzt einer kleinen Kletterei kurz vor Ziel.

Glücksgefühle an der Lötschenpasshütte
Für uns geht es nun über den Lötschengletscher, der im Spätsommer mit normalen Schuhwerk gut zu überwinden ist. Doch selbst nach dessen Überquerung ist man noch lange nicht am Ziel, wie ich in meinem erschöpften Zustand leider erkennen muss. Immer noch geht es bergan, 200 Höhenmeter steilste Wanderei, zum Teil mit einfachen Kletterpassagen versehen. Als ich an der Hütte ankomme, begrüßen mich mein Cousin, der natürlich schon einige Meter vorgegangen ist, und ein Schwein. Genauer gesagt eine dicke, fette, schwarze Sau. "Mach mal nen Bild", sagt mein Cousin und kniet sich neben den Koloss. Ich mache das Bild und bin im Anschluss so froh zu sitzen wie ein Marktschreier nach einem Zehn-Stunden-Steh-Job. Die Lötschenpasshütte liegt inmitten von Steinfeldern auf dem Plateau des Passes, ein Gipfelkreuz ziert den Platz vor der Terrasse. Wir lassen uns eine kräftige Suppe schmecken und sind glücklich. Den Großteil haben wir geschafft, was jetzt kommt ist halb so wild. Glauben wir. Erste Zweifel kommen auf, als wir auf dem Schild lesen, dass der Abstieg nach Goppenstein fast vier Stunden dauern soll. "Nicht für uns", sagt Daniel und stiefelt nach einer kurzen Fotosession los. Dass er mittlerweile eine Blase mit drei Zentimetern Radius am großen Zeh hat, verschweigt er dabei ebenso wie ich die Tatsache, dass meine beiden kleinen Zehen nur noch große Blasen sind. Und so geht´s es hinunter, durch die verkalkten Gesteinsbrocken, steil bergab durch Wälder und schönste Blumenwiesen über fast 1500 Höhenmeter bis nach Goppenstein.

Als wir den Bahnhof dort erreichen, haben wir schon eine Stunde lang kein Wort mehr miteinander gesprochen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, bemüht die Schmerzen in den Füßen zu verdrängen und Schritt für Schritt dem Ziel näher zu kommen. Um 17:45 Uhr sitzen wir am Bahnhof, ziehen die Schuhe aus und blicken zurück. Eine dichte weiße Wolkenwand drängt sich über die Gipfel, als hätte sie uns in den letzten beiden Tagen verfolgt. "Wir haben das Rennen gewonnen", denke ich mir. Was für eine geile Zwei-Tages-Harcore-Hiking-Bergtour.

Text und Bilder: Sebastian Lindemeyer

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