Nanga Parbat: Das Drama 1970 und die Kontroverse
bergleben.de am 23.06.2010 - 11:51 Uhr
Es ist das am häufigsten erzählte und am schärfsten debattierte Bergsteiger-Drama überhaupt: die Geschichte um Reinhold Messner und den Tod seines Bruders Günther 1970 am Nanga Parbat. Eine Tragödie voller Widersprüche, begleitet von Kontroversen, Verdächtigungen und Schuldzuweisungen. Die Öffentlichkeit hat von dieser Geschichte stets nur die medienwirksamen Spitzen wahrgenommen, wie etwa zuletzt den Spielfilm "Nanga Parbat" von Joseph Vilsmaier. Die eigentlichen Fragen rund um Nanga Parbat 1970 lassen sich damit jedoch nicht wirklich beantworten.
Viele unbeantwortete Fragen
Hatte Reinhold Messner damals die Überschreitung des Berges beabsichtigt? Oder war er auf der anderen Seite des Berges abgestiegen, weil es mit dem höhenkranken Bruder keinen anderen Ausweg gab? Warum hatte Messner nicht eindeutig auf eine Notlage hingewiesen, als zwei andere Expeditionsmitglieder in seiner Nähe vorbeistiegen? Warum hatten diese nicht versucht, ihn zu erreichen? War Günther erst am Wandfuß von einer Eislawine verschüttet worden? Oder war er schon vorher gestorben? Hatte die Expeditionsleitung versagt und versäumt, den verschollenen Messners zu Hilfe zu kommen?
Dokumentarische Spurensuche eines neutralen Beobachters
Jochen Hemmleb greift diese Fragen auf, gibt sich nicht mit einfachen Antworten und medienwirksamer Schwarz-Weiß-Malerei zufrieden – sondern hakt nach: Mit der gebotenen Distanz des unabhängigen Betrachters, mit klarem Blick für die Komplexität der Fakten und mit dem ihm eigenen detektivischen Spürsinn beobachtet und analysiert er die Geschehnisse um die Nanga Parbat Expedition 1970. Er hört die Stimmen aller Beteiligten, deckt Zusammenhänge auf und skizziert Entwicklungen, die die Ereignisse und Protagonisten in einem neuen, differenzierten Licht erscheinen lassen.
Neue Stimmen und unveröffentlichtes Archivmaterial
Erstmals konnte Jochen Hemmleb dabei auch den bekannten Bergfilmer Gerhard Baur für eine ausführliche Stellungnahme zu den Ereignissen gewinnen. In exklusiven Interviews schildert Bauer seine persönlichen Erinnerungen: Er war selbst Mitglied der Expedition 1970 und der Letzte, der Günther Messner sah und mit ihm sprach, bevor dieser sich anschickte, seinem Bruder zum Gipfel zu folgen. Weitere wichtige Puzzleteile zum Verständnis der Kontroverse liefert das sorgfältig recherchierte und teilweise noch unveröffentlichte Archiv- und Bildmaterial aus dem Deutschen Institut für Auslandsforschung - Prof. Dr. Herrligkoffer-Stiftung, welches die Dokumente der Expedition von 1970 bis heute verwaltet.
Ein Fachbuch mit Krimicharakter
So entstand die erste und einzige vollständige und unabhängige Darstellung, wie und warum die Messner-Tragödie zum größten Streitfall in der Alpingeschichte wurde – ein Buch, das unter die Haut geht, packend wie ein Krimi und doch fundiert und akribisch recherchiert wie ein Fachbuch.
Der Autor
Jochen Hemmleb, geb. 1971, Diplom-Geologe, Autor, Vortragsredner und Fachberater im Bereich Alpinhistorik, lebt in Bozen. 1999 und 2001 initiierte und begleitete er die Suchexpeditionen nach Mallory und Irvine am Mount Everest, denen die sensationelle Entdeckung des 1924 verschollenen Himalaya-Pioniers George Mallory gelang. Mehrere Publikationen zu diesem Thema. 2004 führte ihn sein Faible für die historisch-detektivische Spurensuche im Gebirge zum Nanga Parbat.
Interview mit dem Autor Jochen Hemmleb
Warum ein weiteres Buch zu Nanga Parbat 1970?
Die Debatte über diese sicherlich am meisten erzählte und diskutierte Bergsteigergeschichte im deutschsprachigen Raum ist unheimlich polarisiert. Es gibt zwei richtige Fronten, auf der einen Seite Reinhold Messner, der sich Schuldvorwürfen ausgesetzt sieht – so stellt er es selber dar – und dann gibt es natürlich auf der anderen Seite vor allem die Mitglieder der Expedition von 1970, die sich wiederum gegenüber den Vorwürfen, die Messner ihnen gegenüber ausspricht, wehren wollen. Eine weitere Stellungnahme dazu, von neutraler Warte aus, die sich nicht einer der beiden Parteien zugehörig fühlt, sondern ganz im Gegenteil von außen beobachtet – die ist notwendig, um einfach ein wirklich komplettes Bild dieser Debatte zu liefern.
Wodurch zeichnet sich Ihre Darstellung der Ereignisse aus?
Man muss sagen, dass die Öffentlichkeit von diesem Streitfall nur Spitzen wahrnimmt. Das sind die Kontroversen, die Messner sehr häufig selber angezettelt hat, durch Vorwürfe gegen seine Expeditionskollegen, gegen die Expeditionsleitung. Es ist auch der Film von Joseph Vilsmaier, der das Thema jetzt wieder in die Öffentlichkeit gebracht hat. Aber die wahre Geschichte erzählen nicht diese Spitzen, sondern die Räume dazwischen. Denn erst in diesen Räumen wird deutlich: Wie ist es dazu gekommen, dass sich zwei solche Fronten ausgebildet haben? Welche Personen, welche Charaktere haben da Einfluss drauf genommen? Welche Mechanismen kommen zum Tragen, dass eine Debatte dermaßen polarisiert wird? Und diese Zwischenräume zwischen den Spitzen sind es, was ich mit dem Buch herausarbeiten und meiner Leserschaft präsentieren möchte, damit sie wirklich ein komplettes Bild der Debatte über 40 Jahre hinweg bekommt.
Bietet Ihr Buch Antworten auf alle offenen Fragen?
Ein Buch kann eine jahrelange Entwicklung nachzeichnen, die wesentlichen Punkte darin herausstreichen. Der Leser hat dadurch die Möglichkeit, keine vorgefertigte Meinung präsentiert zu bekommen, sondern sich selber in die Denkweisen der Protagonisten hineinzulesen, hineinzudenken, seine eigene Meinung zu entwickeln. Das ist es, was das Buch leisten soll, was auch meine Intention ist. Ich möchte nicht dem Leser eine weitere Theorie, eine weitere Meinung zu dem Streitfall liefern – Was ist 1970 am Nanga Parbat passiert? Welche Verantwortung trägt möglicherweise Reinhold Messner? Welche Wahrheit erzählt er? Ich möchte nur die verschiedenen Facetten, die verschiedenen Darstellungen, die es zu dieser Geschichte gibt, nebeneinander stellen, dem Leser präsentieren.
Und ich erwarte und hoffe auch, dass die Meinungen, die sich der Leser aus dem Buch bildet, möglichst vielfältig sind. Es wird danach Leser geben, die Reinhold Messner Glauben schenken, es wird Leser geben, die ihn kritisch sehen werden. Es wird Leser geben, die die Expeditionskollegen von Reinhold Messner in ihren Meinungen besser verstehen lernen. Und diese Meinungsvielfalt, die ist wichtig, die sollte durch dieses Buch verstärkt und auch erhalten bleiben.
Gibt es zu einer so alten Geschichte noch Neues zu erzählen?
Das Buch enthält viel unveröffentlichtes Material aus dem Archiv der Herrligkoffer-Stiftung des Deutschen Instituts für Auslandsforschung, das von Herrligkoffer gegründet wurde und das die ganzen Dokumente der Expedition von 1970 verwaltet und archiviert. Dazu zählen Tagebücher, Schriftverkehr – alles Dinge, die einem Leser die Entwicklung der Kontroverse um Nanga Parbat 1970 nahe bringen, nachvollziehbar machen, wie sich die Fronten in der Debatte herausgearbeitet haben. Und dann lebt die Geschichte natürlich auch durch die Aussagen von Zeitzeugen, die damals dabei waren. Nur sie können aus eigener Erfahrung auch beurteilen, was damals passiert ist und wie sich die Protagonisten damals verhalten haben.
Der Zeitzeuge, der in meinem Buch ein großes Gewicht hat, ist der Bergfilmer Gerhard Baur, der seit 40 Jahren als Filmer und Bergsteiger in den Gebirgen der Welt unterwegs ist und als Mitglied der Expedition von 1970 der Letzte war, der mit Günther Messner gesprochen hat, Günther Messner erlebt hat, als sich dieser angeschickte, seinem Bruder zum Gipfel zu folgen. Die Meinung von Gerhard Baur hat deswegen auch Gewicht, weil sie zwei wesentliche Erfahrungsfelder in sich vereinigt. Da ist zum einen die Sicht eines extremen Bergsteigers, der die Denkweise der Bergsteiger dort oben versteht und nachvollziehen kann, der selber Eindrücke dort oben gesammelt und verarbeitet hat. Und das zweite ist die analytische Betrachtungsweise eines Kameramannes und Filmemachers, die zu einer distanzierten und vor allem auch differenzierten Betrachtungsweise der Debatte aus dem Inneren heraus, als aktiver Teilnehmer des ganzen Geschehens führt.
Was hat Sie gerade am Thema Nanga Parbat 1970 fasziniert?
Ich hab schon seit einigen Jahren eine sehr enge Beziehung zur alpinen Geschichte. Bei vergangenen Geschehnissen, Expeditionen, auch Tragödien und Mysterien reizt es mich, Jahrzehnte später durch Interviews, durch Recherche herauszukitzeln, was ich eigentlich heute noch über diese Ereignisse in Erfahrung bringen kann. Gibt es möglicherweise eine Geschichte hinter der Geschichte? Dann entsteht da noch ein enger Bezug dadurch, dass ich Recherchen immer gerne damit verbinde, den Originalschauplatz aufzusuchen. So habe ich 1999 und 2001 an der Suchexpedition nach Mallory und Irvine am Mount Everest teilgenommen, wo wir – auch dank meiner Forschungsergebnisse – die Leiche von George Mallory entdeckt haben. Und 2006 war ich Co-Initiator und Teilnehmer an der Hermann-Buhl-Gedächtnisexpedition am Broad Peak, die sich auch auf die Suche nach Spuren seiner Erstbesteigung vor damals 50 Jahren machte.
Am Nanga Parbat bin ich dann selber 2004 gemeinsam mit Gerhard Baur gewesen – dadurch bekommt man natürlich ein ganz anderes Gefühl für ein Thema. Wir standen unter der Rupalwand, 4500 m hoch, die höchste Wand der Welt. Es ist wirklich, wie ich im Buch schreibe, die Wand, die dir den Nacken verrenkt. Und du musst ganz gewaltig den Nacken verrenken, damit du den Gipfel da oben überhaupt siehst. Die Dimension dieser Wand – das ist nicht etwas, was ich aus Fotos habe. Was ich darüber im Buch schreibe, das ist reales Erleben, das kann ich nachvollziehen. Ich kann auch die Ängste nachvollziehen von Leuten, die sich so einer Wand gegenüberstehen sehen.
Stößt man bei einem so komplexen Thema an eigenen Grenzen?
Die größte Herausforderung war, in einer dermaßen polarisierten Debatte mit so verhärteten Fronten den Überblick zu bewahren und nicht zu sehr in die eine oder andere Richtung in die Geschichte hineingezogen zu werden. Das Thema ist unheimlich emotional und es wird auch, wenn man die Quellen betrachtet – sowohl die Gerichtsprozesse in den 70er Jahren wie auch die ganzen Bücher von Reinhold Messner – es wird unheimlich mit den Emotionen des Betrachters, des Lesers, des Zuschauers gespielt. In dieser ganzen Emotionalität dann aber den Abstand zu wahren, die Beobachterhaltung zu wahren und sich vor allem auch einmal zurückzunehmen und inne zu halten und zu sagen: Moment einmal, lass uns doch einfach einmal nachdenken über die Geschichte. Was läuft hier eigentlich wirklich ab? Wie werden hier Meinungen, durchaus von beiden Seiten, manipuliert, beeinflusst, zurechtgebogen? Wie werden von der gleichen Geschichte hintereinander immer wieder andere Versionen erzählt? Und da dann den Überblick zu bewahren, das war sicherlich die größte Schwierigkeit bei dem ganzen Projekt.
Für wen haben Sie "Nanga Parbat" geschrieben?
Mein Buch richtet sich vor allem an ein Publikum, das mehr wissen will. Das sich nicht mit einer vereinfachten, monopolisierten Darstellung eines Ereignisses zufrieden gibt, sondern auch das Risiko eingeht, sich mit Widersprüchen auseinander zu setzen. Ein Publikum, das die Widersprüchlichkeit, die Vielgesichtigkeit von Menschen und Meinungen akzeptiert, den Mut hat, ein Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten – das an der Entwicklung von Geschichte interessiert ist und auch akzeptiert, dass manche Fragen vielleicht nie gelöst werden.
Preis: EUR 24,95
Gebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: Tyrolia; Auflage: 1., Auflage (März 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3702230645
ISBN-13: 978-3702230647
Bei Amazon.de bestellen: Nanga Parbat. Das Drama 1970 und die Kontroverse
Viele unbeantwortete Fragen
Hatte Reinhold Messner damals die Überschreitung des Berges beabsichtigt? Oder war er auf der anderen Seite des Berges abgestiegen, weil es mit dem höhenkranken Bruder keinen anderen Ausweg gab? Warum hatte Messner nicht eindeutig auf eine Notlage hingewiesen, als zwei andere Expeditionsmitglieder in seiner Nähe vorbeistiegen? Warum hatten diese nicht versucht, ihn zu erreichen? War Günther erst am Wandfuß von einer Eislawine verschüttet worden? Oder war er schon vorher gestorben? Hatte die Expeditionsleitung versagt und versäumt, den verschollenen Messners zu Hilfe zu kommen?
Dokumentarische Spurensuche eines neutralen Beobachters
Jochen Hemmleb greift diese Fragen auf, gibt sich nicht mit einfachen Antworten und medienwirksamer Schwarz-Weiß-Malerei zufrieden – sondern hakt nach: Mit der gebotenen Distanz des unabhängigen Betrachters, mit klarem Blick für die Komplexität der Fakten und mit dem ihm eigenen detektivischen Spürsinn beobachtet und analysiert er die Geschehnisse um die Nanga Parbat Expedition 1970. Er hört die Stimmen aller Beteiligten, deckt Zusammenhänge auf und skizziert Entwicklungen, die die Ereignisse und Protagonisten in einem neuen, differenzierten Licht erscheinen lassen.
Neue Stimmen und unveröffentlichtes Archivmaterial
Erstmals konnte Jochen Hemmleb dabei auch den bekannten Bergfilmer Gerhard Baur für eine ausführliche Stellungnahme zu den Ereignissen gewinnen. In exklusiven Interviews schildert Bauer seine persönlichen Erinnerungen: Er war selbst Mitglied der Expedition 1970 und der Letzte, der Günther Messner sah und mit ihm sprach, bevor dieser sich anschickte, seinem Bruder zum Gipfel zu folgen. Weitere wichtige Puzzleteile zum Verständnis der Kontroverse liefert das sorgfältig recherchierte und teilweise noch unveröffentlichte Archiv- und Bildmaterial aus dem Deutschen Institut für Auslandsforschung - Prof. Dr. Herrligkoffer-Stiftung, welches die Dokumente der Expedition von 1970 bis heute verwaltet.
Ein Fachbuch mit Krimicharakter
So entstand die erste und einzige vollständige und unabhängige Darstellung, wie und warum die Messner-Tragödie zum größten Streitfall in der Alpingeschichte wurde – ein Buch, das unter die Haut geht, packend wie ein Krimi und doch fundiert und akribisch recherchiert wie ein Fachbuch.
Der Autor
Jochen Hemmleb, geb. 1971, Diplom-Geologe, Autor, Vortragsredner und Fachberater im Bereich Alpinhistorik, lebt in Bozen. 1999 und 2001 initiierte und begleitete er die Suchexpeditionen nach Mallory und Irvine am Mount Everest, denen die sensationelle Entdeckung des 1924 verschollenen Himalaya-Pioniers George Mallory gelang. Mehrere Publikationen zu diesem Thema. 2004 führte ihn sein Faible für die historisch-detektivische Spurensuche im Gebirge zum Nanga Parbat.
Interview mit dem Autor Jochen Hemmleb
Warum ein weiteres Buch zu Nanga Parbat 1970?
Die Debatte über diese sicherlich am meisten erzählte und diskutierte Bergsteigergeschichte im deutschsprachigen Raum ist unheimlich polarisiert. Es gibt zwei richtige Fronten, auf der einen Seite Reinhold Messner, der sich Schuldvorwürfen ausgesetzt sieht – so stellt er es selber dar – und dann gibt es natürlich auf der anderen Seite vor allem die Mitglieder der Expedition von 1970, die sich wiederum gegenüber den Vorwürfen, die Messner ihnen gegenüber ausspricht, wehren wollen. Eine weitere Stellungnahme dazu, von neutraler Warte aus, die sich nicht einer der beiden Parteien zugehörig fühlt, sondern ganz im Gegenteil von außen beobachtet – die ist notwendig, um einfach ein wirklich komplettes Bild dieser Debatte zu liefern.
Wodurch zeichnet sich Ihre Darstellung der Ereignisse aus?
Man muss sagen, dass die Öffentlichkeit von diesem Streitfall nur Spitzen wahrnimmt. Das sind die Kontroversen, die Messner sehr häufig selber angezettelt hat, durch Vorwürfe gegen seine Expeditionskollegen, gegen die Expeditionsleitung. Es ist auch der Film von Joseph Vilsmaier, der das Thema jetzt wieder in die Öffentlichkeit gebracht hat. Aber die wahre Geschichte erzählen nicht diese Spitzen, sondern die Räume dazwischen. Denn erst in diesen Räumen wird deutlich: Wie ist es dazu gekommen, dass sich zwei solche Fronten ausgebildet haben? Welche Personen, welche Charaktere haben da Einfluss drauf genommen? Welche Mechanismen kommen zum Tragen, dass eine Debatte dermaßen polarisiert wird? Und diese Zwischenräume zwischen den Spitzen sind es, was ich mit dem Buch herausarbeiten und meiner Leserschaft präsentieren möchte, damit sie wirklich ein komplettes Bild der Debatte über 40 Jahre hinweg bekommt.
Bietet Ihr Buch Antworten auf alle offenen Fragen?
Ein Buch kann eine jahrelange Entwicklung nachzeichnen, die wesentlichen Punkte darin herausstreichen. Der Leser hat dadurch die Möglichkeit, keine vorgefertigte Meinung präsentiert zu bekommen, sondern sich selber in die Denkweisen der Protagonisten hineinzulesen, hineinzudenken, seine eigene Meinung zu entwickeln. Das ist es, was das Buch leisten soll, was auch meine Intention ist. Ich möchte nicht dem Leser eine weitere Theorie, eine weitere Meinung zu dem Streitfall liefern – Was ist 1970 am Nanga Parbat passiert? Welche Verantwortung trägt möglicherweise Reinhold Messner? Welche Wahrheit erzählt er? Ich möchte nur die verschiedenen Facetten, die verschiedenen Darstellungen, die es zu dieser Geschichte gibt, nebeneinander stellen, dem Leser präsentieren.
Und ich erwarte und hoffe auch, dass die Meinungen, die sich der Leser aus dem Buch bildet, möglichst vielfältig sind. Es wird danach Leser geben, die Reinhold Messner Glauben schenken, es wird Leser geben, die ihn kritisch sehen werden. Es wird Leser geben, die die Expeditionskollegen von Reinhold Messner in ihren Meinungen besser verstehen lernen. Und diese Meinungsvielfalt, die ist wichtig, die sollte durch dieses Buch verstärkt und auch erhalten bleiben.
Gibt es zu einer so alten Geschichte noch Neues zu erzählen?
Das Buch enthält viel unveröffentlichtes Material aus dem Archiv der Herrligkoffer-Stiftung des Deutschen Instituts für Auslandsforschung, das von Herrligkoffer gegründet wurde und das die ganzen Dokumente der Expedition von 1970 verwaltet und archiviert. Dazu zählen Tagebücher, Schriftverkehr – alles Dinge, die einem Leser die Entwicklung der Kontroverse um Nanga Parbat 1970 nahe bringen, nachvollziehbar machen, wie sich die Fronten in der Debatte herausgearbeitet haben. Und dann lebt die Geschichte natürlich auch durch die Aussagen von Zeitzeugen, die damals dabei waren. Nur sie können aus eigener Erfahrung auch beurteilen, was damals passiert ist und wie sich die Protagonisten damals verhalten haben.
Der Zeitzeuge, der in meinem Buch ein großes Gewicht hat, ist der Bergfilmer Gerhard Baur, der seit 40 Jahren als Filmer und Bergsteiger in den Gebirgen der Welt unterwegs ist und als Mitglied der Expedition von 1970 der Letzte war, der mit Günther Messner gesprochen hat, Günther Messner erlebt hat, als sich dieser angeschickte, seinem Bruder zum Gipfel zu folgen. Die Meinung von Gerhard Baur hat deswegen auch Gewicht, weil sie zwei wesentliche Erfahrungsfelder in sich vereinigt. Da ist zum einen die Sicht eines extremen Bergsteigers, der die Denkweise der Bergsteiger dort oben versteht und nachvollziehen kann, der selber Eindrücke dort oben gesammelt und verarbeitet hat. Und das zweite ist die analytische Betrachtungsweise eines Kameramannes und Filmemachers, die zu einer distanzierten und vor allem auch differenzierten Betrachtungsweise der Debatte aus dem Inneren heraus, als aktiver Teilnehmer des ganzen Geschehens führt.
Was hat Sie gerade am Thema Nanga Parbat 1970 fasziniert?
Ich hab schon seit einigen Jahren eine sehr enge Beziehung zur alpinen Geschichte. Bei vergangenen Geschehnissen, Expeditionen, auch Tragödien und Mysterien reizt es mich, Jahrzehnte später durch Interviews, durch Recherche herauszukitzeln, was ich eigentlich heute noch über diese Ereignisse in Erfahrung bringen kann. Gibt es möglicherweise eine Geschichte hinter der Geschichte? Dann entsteht da noch ein enger Bezug dadurch, dass ich Recherchen immer gerne damit verbinde, den Originalschauplatz aufzusuchen. So habe ich 1999 und 2001 an der Suchexpedition nach Mallory und Irvine am Mount Everest teilgenommen, wo wir – auch dank meiner Forschungsergebnisse – die Leiche von George Mallory entdeckt haben. Und 2006 war ich Co-Initiator und Teilnehmer an der Hermann-Buhl-Gedächtnisexpedition am Broad Peak, die sich auch auf die Suche nach Spuren seiner Erstbesteigung vor damals 50 Jahren machte.
Am Nanga Parbat bin ich dann selber 2004 gemeinsam mit Gerhard Baur gewesen – dadurch bekommt man natürlich ein ganz anderes Gefühl für ein Thema. Wir standen unter der Rupalwand, 4500 m hoch, die höchste Wand der Welt. Es ist wirklich, wie ich im Buch schreibe, die Wand, die dir den Nacken verrenkt. Und du musst ganz gewaltig den Nacken verrenken, damit du den Gipfel da oben überhaupt siehst. Die Dimension dieser Wand – das ist nicht etwas, was ich aus Fotos habe. Was ich darüber im Buch schreibe, das ist reales Erleben, das kann ich nachvollziehen. Ich kann auch die Ängste nachvollziehen von Leuten, die sich so einer Wand gegenüberstehen sehen.
Stößt man bei einem so komplexen Thema an eigenen Grenzen?
Die größte Herausforderung war, in einer dermaßen polarisierten Debatte mit so verhärteten Fronten den Überblick zu bewahren und nicht zu sehr in die eine oder andere Richtung in die Geschichte hineingezogen zu werden. Das Thema ist unheimlich emotional und es wird auch, wenn man die Quellen betrachtet – sowohl die Gerichtsprozesse in den 70er Jahren wie auch die ganzen Bücher von Reinhold Messner – es wird unheimlich mit den Emotionen des Betrachters, des Lesers, des Zuschauers gespielt. In dieser ganzen Emotionalität dann aber den Abstand zu wahren, die Beobachterhaltung zu wahren und sich vor allem auch einmal zurückzunehmen und inne zu halten und zu sagen: Moment einmal, lass uns doch einfach einmal nachdenken über die Geschichte. Was läuft hier eigentlich wirklich ab? Wie werden hier Meinungen, durchaus von beiden Seiten, manipuliert, beeinflusst, zurechtgebogen? Wie werden von der gleichen Geschichte hintereinander immer wieder andere Versionen erzählt? Und da dann den Überblick zu bewahren, das war sicherlich die größte Schwierigkeit bei dem ganzen Projekt.
Für wen haben Sie "Nanga Parbat" geschrieben?
Mein Buch richtet sich vor allem an ein Publikum, das mehr wissen will. Das sich nicht mit einer vereinfachten, monopolisierten Darstellung eines Ereignisses zufrieden gibt, sondern auch das Risiko eingeht, sich mit Widersprüchen auseinander zu setzen. Ein Publikum, das die Widersprüchlichkeit, die Vielgesichtigkeit von Menschen und Meinungen akzeptiert, den Mut hat, ein Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten – das an der Entwicklung von Geschichte interessiert ist und auch akzeptiert, dass manche Fragen vielleicht nie gelöst werden.
Preis: EUR 24,95
Gebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: Tyrolia; Auflage: 1., Auflage (März 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3702230645
ISBN-13: 978-3702230647
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