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Winterwandern am Watzmann: Traumtouren im Berchtesgadener Land

5. März 2017 | bergleben.de

News Regionen: Bayern, Berchtesgadener Land, Deutschland

Winterwandern am Watzmann - ©Iris Kürschner

Morgenstimmung am Watzmann

Copyright: Iris Kürschner

„Groß und mächtig, schicksalsträchtig...“ Jeder, der mit der von Wolfgang Ambros besungenen Bergbauernparodie "Der Berg" aufgewachsen ist, wird eines Tages den Watzmann sehen wollen (am liebsten natürlich auch die Gailtalerin). Das Wetter hier passt zur Fantasie, wo urige Älpler tief gebeugt unterm Herrgottswinkel ihre Suppe schlürfen. „...Um seinen Gipfel jagen Nebelschwaden...“

Dicke Schneewolken hängen auch heute überm Land und wir freuen uns, dass Schnee, viel Schnee fällt. Schnell ist das Tal wie mit Puderzucker dick verkleidet, die Geräusche gedämpft, kaum ein Mensch wagt sich raus und der Zauberwald hält, was der Name verspricht. Ein Chaos gewaltiger Felsblöcke, um die sich Wurzeln krallen, kleine Höhlen und tiefe Gassen bilden, überdacht von dichtem Nadelwald. Das Bergsturzmaterial, das einst vom Hochkalter brach, hat im Laufe von rund 3500 Jahren eine Szenerie wie aus einem Märchen geschaffen. Auch der Hintersee ist dabei gestaut worden. Nach längerer Kälte ist dieser kein Hindernis mehr, man stapft einfach drüber, dringt jenseits in den Nationalpark, ins Karlsbachtal ein.

Wo sonst im Sommer Horden wandern, ist nun pure Einsamkeit. Nicht ganz. Wir teilen sie mit dem Wild, das im Winter Obdach in einem Gehege findet. Zur täglichen Wildfütterung kommt man den Herden ganz nah. „Früher zog das Rotwild in die Auenwälder zum Äsen,“ erzählt der Wildhüter, „doch Siedlungen und Straßen haben das zunehmend erschwert. So bleiben sie auch im Winter im Gebirge. Mit der Winterfütterung wollen wir Verbiss- und Schälschäden am Bergwald verhindern.“ Stundenlang könnte man am Beobachtungsposten verharren, wenn die Kälte nicht nach Bewegung rufen würde. Durch federleichten Schnee unter gewaltigen Fichten hindurch kommt die Wärme wieder zurück in den Körper.

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Expedition im Nebel

Als guter Wetterkundler, der den Punkt des Wetterwechsels genau erfassen kann, ist man enorm im Vorteil. Die Wetterkarten im Internet geben uns die Richtung, doch noch im trüben Nichts die Gondel zum Jenner zu nehmen. Die letzte. Oben in der Bergstation ist tote Hose. War das eine gute Idee? Der Weg zum Carl-von-Stahl-Haus wirkt wie eine Expedition. Keine Sicht, keine Menschenseele, keine Geländekenntnis, das verunsichert doch etwas. Aufregend, aber mit etwas Suche finden wir die Markierungsstangen. Die Alpenvereinshütte am Torrener Joch bemerken wir erst, als wir kurz davor stehen, so dick ist der Nebel. Das Grenzschild ist mit Eiskristallen dick ummantelt. Auf nach Österreich in die warme Stube. „Bei diesem Wetter kommen nicht viele“, schmunzelt Hüttenwirtin Monika. Neben verschiedenen Lager- und Mehrbettzimmern gibt es sogar eine Suite für verliebte Bergsteigerpärchen. Niemand macht uns das süße Nest streitig. Noch ein Sprung nach draußen, wo tatsächlich die Sternstunde eingeläutet wurde. Der Watzmann leuchtet.

Klirrende Kälte

„Hinter dem Göllmassiv tritt der Mond hervor, es ist Vollmond und er überflutet die Umgebung mit silbernem Glanz. Schemenhaft wächst vor mir die gewaltige Wand empor.“ In der Nacht des 28. Februars 1953 ist Hermann Buhl durch die Ostwand unterwegs. „An weit ausladenden Schneegebilden schleiche ich höher. Die Neigung nimmt stark zu. Fast greifbar zeichnet sich über mir die Silhouette des Gipfelgrates als weißer Streifen vom dunklen Nachthimmel ab. Doch die Wand beugt sich nicht so schnell. Jeder Meter will erkämpft sein.“ Mit seinem winterlichen Sologang will er sich auch psychisch vorbereiten für seine geplante Nanga Parbat Expedition.

Vielleicht geistert Buhl durch unsere Träume. Oder ist es Ambros? „Du bisch so groß un ii nur ä Zwerg...“ Früh sind wir wach, wagen uns noch in der Dämmerung in die klirrende Kälte. Über einer dicken Schneedecke eine so klare Sicht, wie sie nur unmittelbar nach Schlechtwetter sein kann. Der Schneibstein lockt, wenn es nicht zuviel Neuschnee gegeben hat. Er ist nicht nur der erste Gipfel der Kleinen und Großen Reib’n, er ist auch für Schneeschuhgänger machbar, falls die Lawinensituation es erlaubt. Seine Besteigung erfordert einen geübten Umgang mit den „Tretern“, da der Nordwestrücken häufig windverblasen und hart ist. Die Rundschau ist überwältigend: Tennengebirge und Dachstein im Osten, der Hochkönig mit der „Übergossenen Alm“ im Süden, davor die weitläufige Hochplateaulandschaft von Hagengebirge und Steinernem Meer, daneben markant der Große Hundstod, die wuchtige Watzmann-Ostwand und ganz nah Hoher Göll und Hohes Brett gleich über dem Carl-von-Stahl-Haus.

Nachhaltiger Tourismus

Mit dem schönen Wetter kommen auch die Gäste. Im Carl-von-Stahl-Haus hat man alle Hände voll zu tun, auch im Bergrestaurant am Jenner. Kontraste im Biosphärenreservat der Berchtesgadener Alpen, das jüngst von der UNESCO auf den ganzen Landkreis erweitert wurde. „Die Entwicklung eines nachhaltigen Wintertourismus zählt zu den größten Herausforderungen der nächsten Jahre“, ist auf der UNESCO-Internetseite nachzulesen. Wir stimmen da nur zu und sind deshalb mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, was sich ganz gut bewerkstelligen lässt.

Zurück in die Ramsau und hinauf zum Toten Mann. Der Kulminationspunkt über dem kleinen Familienskigebiet Hirscheck ist mit der ältesten Hütte der Berchtesgadener Alpen gekrönt. Dem Kurgast Gustav von Bezold (nach ihm ist die unbewirtschaftete Hütte benannt) ist das zu verdanken, der 1883 von einem Unwetter überrascht wurde und sich nirgends unterstellen konnte. Einen toten Mann hatte es bereits erwischt, doch nicht ihn. Er gewann die AV-Sektion Berchtesgaden zur Errichtung eines schützenden Daches. Bis heute ein archaischer Ruhepol, eine meditative Aussichtsloge von der Reiteralpe über Hochkalter und Watzmann bis zum Hohen Göll. Einsame Spuren, manchmal auch keine, führen hinter zum Söldenköpfl, wo man sich einfädeln kann in den Soleleitungsweg. Der „Balkon Gottes“, vor bald 200 Jahren als Pipeline für die aus den Berchtesgadener Salzbergwerken gewonnene Sole zum Transfer nach Bad Reichenhall gebaut, ist heute ein Panorama-Spaziergang durch die Beletage der Ramsau. „Hollaröhdulliöh. Der Berg kennt koa Einsehn nit...“

Wenn man denn unbedingt „auffi muas“, ist die Kneifelsspitze ein feines Ziel für Winterwanderer, Schneeschuhgänger und Schlittler. Der Watzmann und die Watzmannfrau (Kleiner Watzmann), dazwischen die Watzmannkinder - ein Bild, dass sich einbrennt unten in Berchtesgaden oder eben noch erhabener von der Kneifelsspitze.

Infos

Anreise:
Beste Zugverbindungen nach Berchtesgaden, dann weiter per Bus nach Schönau am Königsee, Ramsau oder Hinterbrand. Per Auto von München A8 Richtung Salzburg bis zur Ausfahrt Piding, dann B20 über Bad Reichenhall ins Berchtesgadener Land. Ausgangspunkt Carl-von-Stahl-Haus: Vom Bahnhof Berchtesgaden kurz B20 Richtung Königsee, dann in die Vorderbrandstraße oder über den Obersalzberg, erst Richtung „Roßfeldstraße/Kehlsteinhaus“, dann Richtung „Scharitzkehl/Hinterbrand“ zum Parkplatz Hinterbrand (gebührenpflichtig, wie auch an der Talstation der Jennerbahn in Schönau).

Information:
Tourismusinformation Berchtesgaden-Königsee, Tel. 08652/9670, www.berchtesgadener-land.info oder Berchtesgadener Land Tourismus, 83471 Berchtesgaden, Tel. 08652/656500, www.berchtesgadener-land.com

Unterkünfte:
Watzmannloge: Carl-von-Stahl-Haus, ÖAV Salzburg, ganzjährig bewirtschaftet außer 24. Dez., Tel. 08652/2752, www.carl-von-stahl-haus.com.
Wie bei Großmutter: Alpengasthof Vorderbrand, Mo. Ruhetag, Tel. 08652/2059, www.berchtesgaden-online.com/vorderbrand.
Wellness-Oase: Berghotel Rehlegg, Ramsau am Hintersee, Tel. 08657/98840, www.rehlegg.de.
Am Sole-Balkon: Berggasthaus Zipfhäusl, Tel. 08657/278.

Karten:
Freytag & Berndt WKD 5 Berchtesgaden. Bad Reichenhall. Königssee, 1:25.000 oder Kompass Karte Nr.14 Berchtesgadener Land Chiemgauer Alpen, 1:50.000.

Literatur:
Winterwandern Berchtesgaden, Andrea und Andreas Strauß, Bergverlag Rother

Schneeschuhtouren

Carl-von-Stahl-Haus (1736 m)
2 Std., 650 Hm, leicht

Aufstieg: Vom Parkplatz Hinterbrand (1120 m) in südlicher Richtung zur Skipiste. An deren Rand der DAV-Skimarkierung folgend hoch zur Mitterkaseralm, dann an der Bergstation des obersten Schleppliftes vorbei und südöstlich zum Torrener Joch, wo das Stahl-Haus thront. Zu beachten sind die DAV-Regeln für Schneeschuh- und Skitourengänger auf Skipisten, einlesbar unter Tourengeher-Info bei www.jennerbahn.de. Dort findet man auch die Anordnung der Gemeinde Schönau, die seit dem 10.Februar gilt und eine Engstelle im Pistenaufstieg betrifft. Dieser sogenannte Mitterkaserweg ist an Wochenenden und Feiertagen, sowie zu den bayrischen Faschingsferien für aufsteigende Tourengänger zwischen 9.30 und 16.30 Uhr gesperrt.
Variante: Wesentlich kürzerer Zugang von der Bergstation der Jennerbahn (Berg- und Talfahrt 20,80 Euro, Tal- oder Bergfahrt 15,90 Euro). Gleich zu Beginn ist ein zwar kurzer, jedoch steiler Skihang zu bewältigen, möglichst am Rand und mit Augen im Rücken, damit einen kein Pistenraser umfährt. Dann aber hinter der nächsten Kuppe am Jennersattel rechts der Skipiste betritt man schon das stille Nationalpark-Gelände. Südseitig des Kammes entlang in leichtem Auf- und Ab oberhalb des im Winter geschlossenen Schneibsteinhauses vorbei zum Carl-von-Stahl-Haus (0.45 Std.).

Schneibstein (2277 m)
3.30 Std., 550 Hm, schwer

Aufstieg: Bei sicheren Schneeverhältnissen vom Carl-von-Stahl-Haus südöstlich zunächst nur mäßig steil durch Latschen an den Rand des Teufelsgemäuer, dann über den breiten, recht steilen Rücken (oft verharscht und heikel) auf die Gipfelkalotte mit ihren zwei Kreuzen (2 Std.).

Winterwandern & Schlittelspaß

Soleleitungsweg (950 m)
3 Std., 100 Hm, leicht

Route: Vom Parkplatz Zipfhäusl (an der Verbindungsstrasse Ramsau-Bischofswiesen) am Gasthaus vorbei rechts in den Soleleitungsweg. Der Höhenlinie entlang zum Gasthof Gerstreit und weiter bis zum Berggasthof Söldenköpfl (1.30 Std.).

Toter Mann (1392 m)
1.30 Std., 400 Hm, leicht

Route: Vom Café Schwarzeck (Bushaltestelle) südlich vor der Hirscheck-Talstation über die Rodelpiste auf den Toten Mann. Mit dem Sessellift oder Schlitten zurück
Variante: Kann mit dem Soleleitungsweg zu einer ansprechenden Runde verknüpft werden, in dem man vom Toten Mann zum Berggasthof Söldenköpfl absteigt (ca. 1 Std., unpräpariert, Schneeschuhe von Vorteil).

Kneifelsspitze (1189 m)
3 Std., 460 Hm, leicht

Aufstieg: An der Wallfahrtskirche Maria Gern die steile Straße hoch bis zu einer Wegesgabelung und der linken Ausschilderung zur Kneifelsspitze folgen (1.45 Std.). Die Paulshütte am Gipfel ist nur an schönen Wochenenden bewirtschaftet. Auch für Schlittenfahrer ist die Kneifelsspitze reizvoll. Aufstieg von Berchtesgaden über die steile Rodelpiste: vom Parkplatz am Salzbergwerk über Metzenleiten, ca. 2.30 Std.

Skitouren

Kleine & Große Reib’n
Die Skitourenklassiker schlechthin im Berchtesgadener Land. Ausgangspunkt: Carl-von-Stahl-Haus. Kleine Reib’n: Genusstour, 4-5 Std.. Im Anschluss an den Schneibstein können noch der Windschartenkopf und der Fagstein als Gipfel mitgenommen werden. Große Reib’n: zweieinhalbtägige Skidurchquerung von Hagengebirge und Steinernem Meer. Setzt mit der Bewältigung von etwa 4500 Höhenmetern und teils über 40 Grad steilen Abfahrtspassagen hohe Ansprüche an Kondition, Können und Orientierung. GPS-Tracks lassen sich bei bergsteigen.at und tourentipp.de herunterladen.

Autorin: Iris Kürschner

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