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Klettersteige in den Dolomiten: Kampf um die Drei Zinnen

29. Juni 2017 | Norbert Eisele-Hein

News Regionen: Südtirol

Kampf um die Drei Zinnen - ©Norbert Eisele-Hein

Ausgesetzt und alpin geht es auf den Steigen in den Sextener Dolomiten zu

Copyright: Norbert Eisele-Hein

Vor über 100 Jahren, am 28. Juli 1914, erklärte die Österreichische Donaumonarchie Serbien den Krieg. Bündnisverpflichtungen und territoriale Interessen streuten die böse Saat für den bis dahin umfassendsten Krieg der Menschheitsgeschichte - den Ersten Weltkrieg. Mehr als zehn Millionen Menschen fielen dem Zusammenstoß der Großmächte zum Opfer.

Im Geheimvertrag von London wurde Italien von der Entente (Russland, England, Frankreich) am 26.04.1915 das Trentino und Südtirol zugesichert. Die einstigen Bündnispartner des Dreibundes (Deutsches Kaiserreich, Österreich-Ungarn, Italien) widerriefen ihre Neutralität und zogen am 23. Mai 1915 ebenfalls gegen den Nachbarn Österreich in den Krieg. Die neue Front verlief 600 Kilometer durch das Hochgebirge. In der Folge wütete der Dolomitenkrieg vom Nordufer des Gardasees bis hinauf ins ewige Eis des Ortlers, von der Grenze zur Schweiz bis hinüber ins österreichisch-slowenische Grenzgebiet. Das Südtiroler Bergsteigerdorf Sexten stand somit über Nacht an der Front. Rings um die weltberühmten Drei Zinnen entbrannte ein erbitterter Stellungskrieg, der zum ersten Mal in der Geschichte auch im Hochgebirge ausgetragen wurde. Leitersteige und Stollen auf die umliegenden Gipfel der Rotwand, des Paternkofels und des Toblinger Knotens sollten den verfeindeten Truppen von Österreich-Ungarn und Italien strategische Vorteile bringen. Heute werden diese "Klettersteige" friedlich genutzt. Aber Stacheldraht, Geschützstellungen und gewaltsam durchbohrte Felsen lassen erahnen, was die Soldaten von einst erleiden mussten. 

Norbert Eisele-Hein zeigt uns das Grauen von einst und die Schönheit von heute ...

 

Krieg im Hochgebirge

Und dann haben sie ihn doch noch an der Ehre gepackt: Allen voran Hauptmann von Wellean, unerfahren im Gebirgskrieg und ohne Kenntnis des Geländes. "Er getraue sich wohl nicht die Paternkofel-Aktion zu leiten", fragte dieser ihn vor versammelter Mannschaft. Um vor seinen Kameraden nicht als Feigling dazustehen, willigte Sepp Innerkofler entgegen seiner eigenen Überzeugung ein. Sepp Innerkofler war schon zu Lebzeiten eine Bergführerlegende. Bereits 1890 kletterte er durch die Nordwand der Kleinen Zinne zu beachtlichem alpinistischen Ruhm. Sein Ruf als Soldat war ebenso hervorragend.

Die von ihm darauf befehligte "Fliegende Patrouille" tauchte wiederholt in verschiedensten Frontabschnitten der Hochpustertaler Dolomiten auf. Diese handverlesenen Bergsteiger absolvierten ein unglaubliches Pensum an Höhenmetern: Indem sie von Gipfel zu Gipfel eilten, gaukelten sie dem Feind eine wesentlich größere Truppenstärke vor. Gerade der Paternkofel war von immenser strategischer Bedeutung für die Kriegsparteien. Wer ihn kontrollierte, beherrschte zugleich die Bödenknoten und den Paternsattel, hatte Einblick bis hinter das Büllelejoch. Sepp Innerkofler war das wohl bewusst. Schon im Mai 1915 forderte er, den Gipfel ständig zu besetzen. Doch die Österreicher waren zahlenmäßig zu schwach.

Hauptmann Jaschke ließ ihn noch vom 24. - 27.Mai den Gipfel kontrollieren. Doch dann verhinderte eine Schlechtwetterfront den schwierigen Aufstieg von Norden. Die italienischen Alpini lagen bereits auf der Lauer. Im Schneetreiben nutzten sie den einfachen Aufstieg über den von ihnen besetzten Paternsattel und gelangten kampflos auf den Gipfel. Der Befehl von oben zur riskanten Rückeroberung wurde heftig diskutiert. Hauptmann Jaschke lehnte ihn rundherum als zu gefährlich ab. Er wurde wohl deshalb von seinem Bataillionskommando abgelöst. Nachfolger als Kommandant des IX. Marschbataillons Landesschützenregiment III wurde eben jener von Wellean. „Sepp Innerkofler wusste ganz genau, dass die Rückeroberung des Paternkofels am 04.07.1915 einem Himmelfahrtskommando gleichkam. Mit den Worten ‚Es genügt, wenn die Mutter um einen von uns trauern muss‘, verbot er seinem Sohn mitzumachen“, erzählt Hugo Reider, der Hüttenwirt der Dreizinnen-Hütte. 

 

Und ein Jahrhundert später?

Heute zählt eine Tour auf den Paternkofel zu den Klettersteig-Klassikern der Dolomiten. Gestartet wird von der Dreizinnenhütte, wo eine Granate auf dem Treppengeländer, eine ganze Reihe historischer Schwarz-Weiß-Fotografien aus Hugos Fundus und ein Gedenkstein mit einer Bronzeplakette immer noch an Sepp Innerkofler erinnern. Der Steig führt schon bald in einen Stollen, den die Italiener einst über mehr als ein Jahr gruben und erst im Oktober 1917 fertigstellen konnten. Darin ist es dunkel, niedrig und muffig. Der Helm schrammt nicht selten an Felsvorsprünge. Dafür bieten die Seitenstollen spektakuläre Ausblicke auf die Drei Zinnen. Was für ein Wahnsinn, die Dolomiten zu durchbohren. 

Stacheldraht erinnert an manchen Stellen an die Grausamkeiten des Krieges - ©Norbert Eisele-Hein

Stacheldraht erinnert an manchen Stellen an die Grausamkeiten des Krieges

Copyright: Norbert Eisele-Hein

Nach knapp 20 Minuten melden sich die Wirbelkörper dank einer schönen Streckung wieder lautstark an Ort und Stelle. Der erste Blick in die Freiheit ist eine einzige Lichtexplosion. Schimmern die Bödenseen doch wie alpine Smaragde. Einzig der Stacheldrahtverhau auf einer nahen Schrofe erinnert an den Irrsinn des Krieges. Luftige Drahtseile und Stahlklammern führen kühn, aber ohne größere Schwierigkeiten bergan. Die schmale Gamsscharte, öffnet die Südseite und den Abzweig zur Büllelejochhütte. Der restliche Aufstieg über breite Bänder und Schrofen zum Gipfel, wo Sepp Innerkofler sein Leben ließ, gestaltet sich einfach. Endlich oben, baut sich rundherum die komplette Riege der Hochpustertaler Dolomitengipfel auf - allen voran der Zwölferkogel, die Schusterplatte und natürlich die Drei Zinnen. 

Auch der Feldkurat-Hosp-Leitersteig auf den 2617 Meter hohen Toblinger Knoten, startet an der Dreizinnenhütte, konditionsstarke Bergsteiger schaffen beide Touren an einem Tag. Auch dieser Gipfel galt als eine Schlüsselposition der Österreichischen Verteidigung. Der Feldkurat Hosp, ließ im Frühjahr 1916 die Nordkamine des Felsmonolithen mithilfe von Dutzenden Lärchenholzleitern und einem durchgehenden Drahtseil versichern. Nach 60 Jahren Verfall, benötigte ein Bautrupp der Dolomitenfreunde e.V. im Jahre 1978 sieben Arbeitstage, um 17 Eisenleitern und ein neues Sicherungsseil am Berg zu installieren. Der Bizeps strapazierende und unbedingt Handschuhe erfordernde neue Leitersteig, ist ein luftiger Leckerbissen mit einem sagenhaften 360 Grad Gipfelpanorama. Gipfelsieger strecken heute gerne die Hände in die Höhe, um die ganze Welt zu umarmen. Die Soldaten von einst duckten sich gleich hinter die Schutzwälle aus Stein oder verschwanden in den Kavernen, denn hier standen die Kriegsparteien nur 300 Meter Luftlinie auseinander.  

Famose Ausblicke auf die Bergwelt sind garantiert - ©Norbert Eisele-Hein

Famose Ausblicke auf die Bergwelt sind garantiert

Copyright: Norbert Eisele-Hein

Verfolgt vom Ersten Weltkrieg

Bei einer Besteigung der Rotwand, südlich von Sexten, verfolgt einen die "Grande Guerra", der Erste Weltkrieg, auf Schritt und Tritt. Die Route führt entlang zahlreicher Überreste großer Stützpunkte. Alte Telefonmasten ragen als stumm mahnende Zeitzeugen in den Himmel. Der Gipfelbereich auf knapp 3000 Metern, seinerzeit auch "Polar" oder "Vinatzerturm" genannt, wurde für ein komplexes System aus Kavernen regelrecht perforiert. Noch näher rückt das Grauen des Krieges im Freilichtmuseum des Vereins "Bellum Aquilarum" auf der Anderter Alpe. Von der Rotwandwiesenhütte führt der Steig zu teils restaurierten Schützengräben, Baracken und exponierten Maschinengewehrstellungen, unterhalb der Sentinellascharte. Bildtafeln mit historischen Aufnahmen, zeigen wie der Krieg technisch umgesetzt wurde, wie schwere Gebirgskanonen mit Flaschenzügen über verschneite Hänge transportiert wurden. „ Sie belegen aber auch schmerzhaft realistisch, was der Mensch dabei erdulden musste“, weiß Frau Doktor Sigrid Wisthaler, eine Sextener Historikerin. Immer mittwochs um 10.00 Uhr führt sie über die Anderter Alpe. Sie reichert die deprimierenden Fakten mit den hautnah geschilderten Tagebucheinträgen ihres Urgroßvaters an – welches zum Thema ihrer Dissertation wurde.  „Nachdem ich das gelesen hatte, war mir klar, warum am Ende mehr Soldaten durch Kälte, Hunger, Lawinen oder Abstürze starben als durch Kugeln und Granaten“, ergänzt sie.

Diese historische Wanderung lässt sich kongenial mit einer Besteigung der Rotwand kombinieren. Weg Nr. 124 führt direkt zu den Rotwandköpfen oder auch zur Sentinella-Scharte und dem Alpini-Steig, weiteren wichtigen Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkriegs. Die Klettersteige im Hochpustertal sind an landschaftlicher Schönheit kaum zu überbieten. Sie geben gleichzeitig Einblick in ein rabenschwarzes Kapitel unserer Geschichte und mahnen zum Gedenken - zum Gedenken an die vielen Toten des Krieges und zur Wahrung des Friedens.

 

Auf Seite 2 (klickt unten rechts) dieses Artikels gibt es eine großen Info-Teil über die Touren und Klettersteige in den Dolomiten!

 

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