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Unterwegs auf dem Goetheweg: Des Dichters geniale Gratwanderung

6. September 2016 | Norbert Eisele-Hein

News Regionen: Innsbruck und seine Feriendörfer

Goethe's geniale Gratwanderung  - ©Norbert Eisele-Hein

Man trifft auch einige andere Wanderer auf dem beliebten Goetheweg

Copyright: Norbert Eisele-Hein

Geradezu traumwandlerisch verläuft der Goetheweg entlang der Nordkette des Karwendels. Vom Hafelekar bis zur Pfeishütte windet er sich um stattliche Gipfel, häufig auf exponierten Pfaden. Gewährt dabei stets betörende Tiefblicke auf die Landeshauptstadt Innsbruck und den sie nährenden, breiten Strom. Belohnt Wanderer mit weitreichenden Ausblicken auf die gewaltigen Gebirgsketten des Karwendels, hinüber ins Wipptal und Stubaital. Der König der Dichter hat zwar nie auch nur einen Fuß auf diesen grandiosen Höhenweg gesetzt, durfte das Karwendel nur aus dem Fenster der Postkutsche bestaunen, aber so viel steht fest: Diese opulente Höhenwanderung hätte ihm gefallen. 


Goethe und die Berge Tirols

"Innsbruck liegt herrlich in einem breiten, reichen Tal, zwischen hohen Felsen und Gebirgen. Erst wollte ich dableiben, aber es ließ mir keine Ruhe.", J.W. v. Goethe, zitiert aus "Italienische Reise".

Im September reiste ein gewisser Johann Philipp Möller mit der Postkutsche über Wallgau und Mittenwald nach Innsbruck. Hinter dem Pseudonym verbarg sich kein Geringerer als der deutsche Dichterfürst, ewige Schwerenöter und stets naturforschende Wandersmann Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832). Er hatte allen unglücklich Verliebten dieser Welt bereits "Die Leiden des jungen Werther" von der Seele geschrieben. War längst ein Szenestar. Genoss ein erkleckliches Einkommen als Geheimrat und Minister am Hofe seines jungen Gönners des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Doch schwierige Liebschaften, ein vorübergehendes Abflauen von Sturm und Drang und wohl das Gefühl am Hofe Weimars irgendwie in einem goldenen Käfig gefangen zu sein, veranlassten den wortgewandten Weiberhelden zur wohl berühmtesten aller Kavaliersreisen - seiner Reise nach Arkadien. Dies war damals bei jungen Adligen und Künstlern durchaus en vogue.

Goethe schaffte es auf dieser beschwerlichen Reise bis nach Sizilien, bestieg unterwegs die Vulkane Vesuv und Ätna und kehrte erst zwei Jahre später wieder nach Deutschland zurück. Somit scheint es nicht verwunderlich, dass der "Alte Wirt" in Wallgau mit dem Genie wirbt, sich Mittenwald eines Goethehauses erfreut und dass auch Innsbruck, die - wenn auch nur kurze - Präsenz des inkognito reisenden Goethe werbewirksam nutzt.

Eigentlich startet der Goetheweg ja hoch oben am Hafelekar. Doch schon der Anmarsch oder die Auffahrt mit der Gondelbahn von der Hungerburg beschert ganz unten bereits einen außergewöhnlichen Höhepunkt. Schon der erste Blick auf die organischen Rundungen der positiv ins Auge stechenden Glaskonstruktion verweist untrüglich auf die Handschrift Zaha Hadids. Die am 31.03.2016 verstorbene, britisch-irakische Stararchitektin ließ sich in ihrer klaren Formensprache erkennbar von Eis- und Schneelandschaften inspirieren. Ein architektonischer Leckerbissen und ein fulminanter Auftakt für den Goetheweg.

Und egal, ob man nun gemütlich mit der Gondel einschwebt oder die unzähligen, heftig wadenbeißenden Serpentinen von der Hungerburg auf 860 Metern Seehöhe bis zum Hafelekar auf immerhin 2256 Metern niederringt, einmal oben steht im Nu fest: Dieser Höhenweg hat das Prädikat "Goethe" verdient. Westlich zickzackt sich der Innsbrucker Klettersteig mächtig steil und haarsträubend ausgesetzt über zahllose spitze Zinken - ein tolles Zusatzprogramm, allerdings nur für erfahrene Klettersteiger zu empfehlen. Der Goetheweg zirkelt indes angenehm geschottert gen Osten. Leitet leicht an- und absteigend, traumtänzerisch wie eine Himmelsleiter entlang des schmalen Grats. Kurvt mal links, mal rechts wie eine Murmelbahn um steile Felsnasen herum. Bietet steten Augenschmaus. 

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„Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.” 

Unten leuchtet der mächtige Inn wie ein metallenes Band. Unter den reflektierenden Dächern erahnt man die geschäftige Universitätsstadt Innsbruck. Südwärts umschifft der Steig die 2334 hohe Hafelekarspitze und die 2317 Meter hohe Gleirschspitze. Zum Gleirschjöchl führen ein paar Kehren auf steilem Felspfad hinab. Immer noch südseitig geht es eben dahin bis zur Mühlkarscharte. Klettertaugliche Tiroler Bergschafe in weiß, braun und schwarz säumen gemütlich schmatzend die satt-grünen Matten. Der Schäfer mit seinem wettergegerbten Gesicht sitzt völlig tiefenentspannt auf einem Grasbuckel und schmaucht genüsslich eine Pfeife. Dann wechselt die Route in den kargen Norden. Führt weiterhin vorbildlich beschildert über epische Schutthalden mit einer geradezu erschlagenden Weite zum Zugspitzblick. Ein erneuter Schwenk in den Süden führt uns zur Mandlscharte, dem höchsten Punkt der Tour auf 2267 Metern. Direkt vor uns türmt sich die 2366 Meter hohe Mandlspitze auf, sie ließe sich noch ohne allzu große Mühe mitnehmen. 


Wer derweil hoch hinauf will, muss ein wenig klettern - ©Norbert Eisele-Hein

Wer derweil hoch hinauf will, muss ein wenig klettern

Copyright: Norbert Eisele-Hein

„Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.” 

Übrigens hieß der Goetheweg nicht immer so. Zur Erinnerung an den 100. Todestag des Ausnahmedichters beschloss die Stadt Innsbruck den neu geschaffenen Abschnitt vom Hafelekar bis zur Mandlscharte "Goetheweg" zu nennen. Passte auch gerade in die Zeit großdeutschen Gedankentums. Doch 1977, zum 20. Todestag von Hermann Buhl, dem aus bergsteigerischer Sicht höher einzuordnenden Bezwinger des 8126 Meter hohen Nanga Parbat, vollzog die Stadt einen Namenswechsel. In der Bevölkerung fand dieser Wankelmut nur wenig Zustimmung, denn für den Karakorum-Heroen Buhl - so bekundeten viele Innsbrucker - hätte es durchaus etwas Anspruchsvolleres sein dürfen. Da der Weg weiterhin als Goetheweg gehandelt wurde, sprach man nach einer langen zähen Diskussion am 27.11.2009 Klartext. Hermann Buhl erhielt für seine alpinistischen Großtaten eine Gedenktafel an der Seilbahnstation und der wunderbare Wanderweg hieß fortan wieder - hoffentlich endgültig - Goetheweg.


„Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler.”

Nach der Mandlscharte geht es konstant bergab. Der Blick in das stete, sich immer mehr öffnende Felsenkino im Kessel unterhalb der Arzler Scharte bleibt gewaltig. Je tiefer wir absteigen, desto weiter wachsen ausgedehnte Latschenfelder an den steinigen Pfad heran. Ein zarter Duft von Almenrausch liegt in der Luft. Tiefblaue Schusternägel und quietschgelbe Dotterblumen leuchten aus den Grashängen. Doch mitten in diesem Idyll erinnert  - gänzlich unvermittelt - eine Bronzetafel auf einem schlichten Gedenkstein an eine herzzerreißende alpine Tragödie. Zwei schwedische Urlauberinnen gerieten mit ihren Begleitern, jungen Tiroler Burschen am 03.Oktober 1970  in einen fürchterlichen Schneesturm. Viel zu leicht bekleidet verloren sie die Orientierung und erfroren an Ort und Stelle - nur wenige Minuten vor der rettenden Pfeishütte. Diese kündigt sich uns bei strahlendem Sonnenschein und einer leichten, erfrischenden Brise mit wehenden buddhistischen Gebetsfahnen an.

Die Hütte liegt wie in einem Gemälde, zu Füßen der wuchtigen Rumer Spitze. Der Biergarten auf der großen Terrasse wird am späten Nachmittag noch von den Sonnenstrahlen gestreichelt. Die Speisekarte ist auch von Weitem sichtbar, hängt sie doch in Form von gusseisernen Bratpfannen auf der Rauputz-Fassade. L'Anouk, der Hüttenhund, ein großer, weißer Schäferhund, der fast schon einem Eisbären ähnelt, begrüßt uns beiläufig in dem er ein Augenlid kurz anhebt und sofort wieder weiter döst. Das Hüttenwirte-Paar Vroni Hagn und Michl Kirchmayer haben die Pfeishütte zu einem echten Kleinod herausgeputzt. Ein wahrer Kraftort mit 360 Grad-Panorama, da schmecken die leckeren Spagetti Arrabiata gleich noch besser. Die ‚Pfeis‘ eröffnet ein üppiges Spektrum weiterer Gipfeltouren auf die einfache 2529 Meter hohe Stempeljochspitze, über einen versicherten Steig auf die 2575 Meter hohe Sonntagkarspitze, die Pfeiserspitze, das Gleirschtaler Brandjoch …

Unsere Goethetour führt auf gleichem Weg zurück und betört ob der neuen Perspektiven einmal mehr die Sinne. Ein letztes Faust-Zitat auf einer schlichten Schiefertafel der Bergstation Hafelekar bündelt unser Erlebtes noch einmal, bevor wir mit der Gondel wieder sanft Innsbruck entgegen schweben.  

Auch ein Goethe-Zitat säumt den Wanderweg - ©Norbert Eisele-Hein

Auch ein Goethe-Zitat säumt den Wanderweg

Copyright: Norbert Eisele-Hein

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Goethe die Kutsche einst verlassen, sein Ränzel geschnürt und die Gipfel rings um die Pfeishütte tatsächlich erklommen hätte. Wäre er je noch nach Italien gekommen? Hätte er den Torquato Tasso ersonnen? Hätte er am Ende die Liebe seines Lebens auf der Alm entdeckt? Wäre der Faust dann ein alpin gefärbtes Drama mit dem Yeti oder einem wilden Bergschrat in der Rolle des Mephisto? So oder so. Der Goetheweg jedenfalls bleibt über jeden Zweifel erhaben. 


Weitere Infos:

Innsbruck und seine Feriendörfer
Burggraben 3
6021 Innsbruck
t   +43.512.59850
f   +43.512.59850-107
e   office@innsbruck.info
w   www.innsbruck.info

Anfahrt mit dem Auto: Auf der Inntalautobahn nach Innsbruck, durch das Stadtzentrum über die Höhenstraße zur Hungerburg, Parken etwa 200 Meter entfernt beim Spar-Supermarkt oder kostenpflichtig  direkt bei der Talstation der Nordkettenbahn (Parkgebühr wird bei Bahnnutzung erstattet)

Öffentlich: Mit dem Zug nach Innsbruck und mit Bus Linie J oder mit der Hungerburgbahn vom Zentrum auf die Hungerburg.

Auffahrt mit der Gondel: von der Hungerburg (868 m) in zwei Sektionen über die Seegrube (1905 m) hinauf zum Hafelekar (2269 m), Tel. 0043-512-29 33 44, www.nordkette.com

Aufstieg: Der Goetheweg lässt sich sowohl von der Seegrube, als auch vom Hafelekar starten, der Anmarsch von ganz unten bei der Hungerburg ist ziemlich kraftraubend:

Übernachtung: ÖAV-Pfeishütte (1922 m), täglich geöffnet von Anfang Juni bis Mitte Oktober, Tel. 0043-664-914 84 34. www.pfeishuette.at, Zimmer und Matratzenlager, Alpenvereinsmitglieder zahlen deutlich weniger, gute Küche, die Hüttenwirte bieten zahlreiche Workshops und geführte Touren an.

Sich orientieren:

AV Karte 5/2, Karwendelgebirge Mitte (1:25.000)
AV Karte 31/5, Innsbruck Umgebung (1:50.000)
Freytag und Berndt, Bl.WK322 (1:50.000)

Kompass Karte Nr. 26, Karwendelgebirge (1:50.000)

Literatur: Winfried Schatz, Hermann Sonntag: Erlebnis Pfeishütte, 23 €, ISBN 978-3-200-03278-1, mit 2 topografischen AV-Karten.

 

Goetheweg (hin und zurück)

Typ: mittelschwere Bergwanderung mit wenigen Stahlseilversicherungen an exponierten Stellen

Länge: 9,8 km ( aber viele kleine Zusatzschleifen zu schönen Gipfeln möglich)

Dauer: 4 h

Schwierigkeit: mittel

Höhendifferenz: 839 m (bei Nutzung der Gondel)

Höchster Punkt: 2267 m

Beste Wanderzeit: Juni – Oktober

Start/Ziel: Hafelekar (Bergstation der Gondel)

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