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Alpencross extrem: Fünf Stadtkinder auf dem Weg über die Alpen

5. Oktober 2016 | Frederik Kraft

News Regionen: Meraner Land, Oberstdorf, Ötztal, Pitztal

Start in Spielmannsau - ©Frederik Kraft

Start in Spielmannsau

Copyright: Frederik Kraft

Dieses Jahr also Wandern. Wir, fünf beste Freunde aus Berliner Studienzeiten, alle um die 30 Jahre alt, nutzen normalerweise unseren jährlichen Ausflug zum gemeinsamen Entspannen, Grillen und Bier trinken. Und dieses Jahr sollte es also eine Wanderung sein. Warum nicht? Aber wer kam eigentlich auf die Idee, gleich eine Alpenüberquerung über den europäischen Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran anzugehen?

Obwohl wir alle mehr oder weniger sportlich sind und zum Teil auch regelmäßig Ausdauersportarten betreiben, war doch für alle dieses Vorhaben eine besondere Herausforderung. Ein wenig alpine Wandererfahrung war in der Gruppe zwar vorhanden, jedoch lag diese Jahrzehnte zurück. Und auf eine mehrtägige Tour konnte keiner von uns zurückblicken. Aber das wird schon, so der Tenor.

Die Vorbereitung wurde individuell oder in kleinen Gruppen absolviert, je nachdem wie es der persönliche Terminkalender zuließ. Zumindest die teuren neuen Wanderstiefel sollten eingelaufen werden, damit Blasenbildung (im Vorfeld als eines der Hauptrisiken ausgemacht) verhindert würde. Auch sonst las sich das gewählte Equipment wie die Checkliste eines alpinen Wanderführers. Allerdings verzichtete der ein oder andere auf Wanderstöcke, und das sollte sich gegen Ende der Reise rächen. Dank frühzeitiger Planung, detailliertem Studium der Etappen und weiterer Recherchen fühlten wir uns gewappnet für dieses kleine Abenteuer, auch wenn die 6-tägige Wanderung zu den einfacheren Alpentouren zählt.

Es geht los ...

Und so standen wir mit unseren Wanderoutfits und gepacktem Rucksack an einem sonnigen Montagmorgen am Hauptbahnhof München, bestens gelaunt und bereit die 2-stündige Zugfahrt nach Oberstdorf (814m) anzutreten. Der Ausgangspunkt unserer Wanderung im Allgäu zeigte sich von seiner besten Seite, bei Sonnenschein und herrlichem Alpenpanorama wurde noch einmal bayrische Küche geschlemmt. Der nächste Morgen hingegen war grau und bewölkt. Nach dem Frühstück noch kurz letzte Besorgungen in einem Sportgeschäft gemacht (der Impulskauf einer Regenhose sollte sich später noch als sehr nützlich darstellen), dann ging es auch schon los.

Nach kurzer Wanderung zum Ortsteil Spielmannsau wurde bereits die erste Pause eingelegt: Heftiger Regen machte den Sonnenschein der vergangenen Tage vergessen und gab bereits einen ersten Eindruck, was uns noch erwarten könnte. Nach kurzer Jause traten wir bei leichtem Nieselregen den Aufstieg zur Kemptner Hütte (1844 m) an und erreichten diese nach knapp drei Stunden etwas durchnässt. Vorort rege Betriebsamkeit: Immer mehr Wanderer strömten in die Hütte, hängten ihre nassen Sachen in den völlig überfüllten Trockenraum – und freuten sich dann vergebens auf eine warme Dusche. Das graue, regnerische Wetter verhinderte die Warmwassererzeugung aus der Solarthermieanlage, so ist das nun mal in den Bergen. Und so ging es recht zeitig in die Betten unseres 5er-Zimmers - der nächste Tag sollte es in sich haben.

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Am nächsten Morgen um 6:30 Uhr: Beim Frühstück gab es bereits einen großen Andrang an der Ausgabestelle. Die wuselnden Wandergruppen verbreiteten eine ungewohnte Hektik - entspanntes Urlauben sieht irgendwie anders aus. Jeder wollte so schnell wie möglich sein Frühstück einnehmen, rasch den überfüllten Frühstücksraum wieder verlassen und zügig die Route vor den anderen antreten. Als wäre es ein Wettlauf. Von wegen in den Bergen und der Natur läuft die Zeit langsamer.

Auch wir brachen schließlich bei bewölktem Wetter auf und folgten dem Strom an Wandergruppen einen kurzen Anstieg hinauf zum Mädelejoch (1974 m), wo uns das Grenzschild der Alpenrepublik Österreich begrüßte. Nach knapp 2 ½ Stunden Abstieg ins Lechtal erreichten wir bereits ein erstes Highlight der Reise: Kurz oberhalb des Alpendorfes Holzgau überspannt eine 110 m hohe und 200 m lange Hängebrücke die Höhenbachtalschlucht. Da der ein oder andere in unserer Gruppe Probleme mit der Höhe hat, war die wackelige und mit Gitterrost im Boden versehene Brücke eine echte Mutprobe.

In Holzgau angekommen entschieden wir uns für den knapp 3-stündigen Marsch mit leichtem, aber stetigem Anstieg nach Madau (1310 m). Viele der Wandergruppen folgten dem Ratschlag des Reiseführers und nutzten Kleinbusse von ansässigen Taxiunternehmen für den Transfer. So sparten sie sich dementsprechend einen großen Teil der Strecke. Wir wollten jedoch dieses Stück zu Fuß bestreiten und nicht die Idee des Fernwanderns bereits am 2. Tag konterkarieren.

Aufstieg zur Memminger Hütte - ©Frederik Kraft

Aufstieg zur Memminger Hütte

Copyright: Frederik Kraft

Leider stellten wir bereits während des Aufstiegs anhand der Werbebeschilderung fest, dass das einzige Gasthaus im kleinen Ort Madau seinen einzigen Ruhetag in der Woche hatte. Müsliriegel und Nüsse waren nach ca. 6 Stunden Wanderung die einzige Nahrung und nach kurzer Pause traten wir bei leichtem Nieselregen den letzten Anstieg der Etappe an. Nachdem wir nach ca. einer Stunde über asphaltierte Straße die Materialseilbahn (1449 m) passiert hatten, folgte ein schier endlos erscheinender und steiler Aufstieg hinauf zur Memminger Hütte. Das Wetter wurde immer schlechter und die Wolken ließen uns das Etappenziel nicht einmal erahnen. Nach fast 10 Stunden Wanderung, die einige von uns an ihre körperlichen Grenzen brachte, erreichten wir erschöpft und hungrig die Memminger Hütte (2242 m). Kurz darauf setzte Schneefall ein und nachfolgende Wanderer betraten die Hütte als wären sie einem Schneesturm in der Arktis entronnen. Die völlig überfüllte Hütte musste Notlager einrichten, einigen Wanderer blieb nichts Anderes übrig, als in Zelten vor der Hütte zu übernachten. Auch in unserem 6-er Zimmer wurden durch zwei zusätzliche Matratzen weitere Schlafmöglichkeiten geschaffen. Der hohen Personenanzahl geschuldet wurde das leckere Essen dementsprechend reduziert portioniert, was nach dem Ausfall des Mittagessens zu einem gewissen Unmut in Teilen der Gruppe führte. Immerhin führten nette Wanderbekanntschaften und das ein oder andere alkoholische Getränk zu einem unterhaltsamen Abend und damit versöhnlichen Abschluss der Etappe.

Durch den Schnee nach Zams

Am nächsten Morgen erwartete uns neben der bereits bekannten Frühstückshektik eine schneebedeckte Landschaft. Gut gelaunt und ohne Muskelkater begannen wir zeitig unsere Etappe und folgten den Fußstapfen der noch früher aufgebrochenen Wandergruppen im Schnee. Das atemberaubende Panorama der schneebedeckten Berge spiegelte sich in den kleinen Gebirgsseen und sorgten für tolles Fotomaterial. Der steile und ca. einstündige Aufstieg zur Seescharte (2599 m) erforderte höchste Konzentration, jedes Abrutschen der Stiefel auf dem, aus Schneespuren bestehenden Pfad hätte schlimme Folgen haben können. Um den Bergkamm zu passieren, musste ein kurzer, felsiger Abschnitt mit der Hilfe von Drahtseilen kletternd überwunden werden. Nachdem wir diese Hürde überwunden hatten, war die Freude über diesen Teilerfolg groß. Es folgte ein 6-stündiger Abstieg nach Zams (775 m). Die knapp 1800 Höhenmeter auf teilweise ausgesetzten Wegen führten uns bei bestem Wetter das Lochbachtal hinab. Dabei wandelte sich die Natur von schneebedecktem Feldgelände und Geröllfeldern bis hin zu malerischen Wäldern, saftigen Wiesen und Gebirgsbächen. In Zams angekommen, nahmen wir ein herzhaftes Mittagessen ein und machten ein paar kleinere Einkäufe, ehe wir mit der Gondel zur Mittelstation der Venetbahn fuhren, wo sich unsere Unterkunft, die Skihütte Zams (1780 m), befand. Die Strapazen der ersten drei Etappen machten sich nun am Abend bemerkbar. Schmerzsalben und Franzbranntwein gingen herum - lange Tageswanderungen sind dann doch etwas anderes als gelegentliches Joggen. Nach einem kleinen Abendessen gingen alle zeitig zu Bett, einige Kilometer waren schließlich noch zu absolvieren.

Braunschweiger Hütte - ©Frederik Kraft

Braunschweiger Hütte

Copyright: Frederik Kraft

Der nächste Tag begann wieder einmal mit dem ungeliebten Termindruck: Um einen Platz in der überfüllten Gondel zu erhaschen, mussten wir nach dem Frühstück zeitig aufbrechen und auf der Mittelstation (ein Mast, den man über einen hölzernen Steg erreicht) der Drahtseilbahn warten. Zum Glück passte unsere Gruppe noch in die Gondel und so führte die Auffahrt zum Krahberg auf 2208 m Höhe. Bei bewölktem Wetter und Nieselregen überquerten wir dessen Südhang über einen hügeligen Panoramaweg und stiegen in drei Stunden hinab nach Wenns im Pitztal (980 m). Beim Abstieg machten sich zum ersten Mal die Knie bemerkbar, so dass der ein oder andere bereits auf Schmerzmittel zurückgreifen musste (diese sollten dann auch stetiger Begleiter für den Rest unserer Wanderung werden). In Wenns teilten wir uns ein Großraumtaxi mit anderen Wanderern und fuhren, wie im Reiseführer vorgesehen, nach Mittelberg (1734 m) am Ende des Pitztales. Dort folgte ein 3-stündiger Aufstieg, kletternd und auf befestigten Bergwegen bei Nebel und Nieselregen hinauf zur Braunschweiger Hütte (2758 m). Dort angekommen erwartete uns mit bestem Hüttenessen und perfekter Service immerhin ein kleiner Trost, schließlich sorgte ein Fehler bei der Reservierung dafür, dass wir ins Notlager ausweichen mussten. Die ungewohnte Höhe führte bereits frühzeitig zu ersten Ausfällen aufgrund von Unwohlsein und Herzrasen, die restliche Gruppe kroch nach geselligem Abend um 22 Uhr in die Laken. Das Bettenlager bestätigte schlimmste Befürchtungen: Auch Ohrstöpsel konnten die störenden Geräusche der schlafenden Wanderschaft, die sich nicht nur auf Schnarchen beschränkte, nicht verhindern.

Panoramaweg nach Vent - ©Frederik Kraft

Panoramaweg nach Vent

Copyright: Frederik Kraft

Über das Ötztal gen Süden

Am nächsten Morgen entschieden wir, die Gruppe aufzuteilen: Auf felsigem Terrain kletterte ein Teil der Gruppe zum Rettenbachjoch (2990 m) hinauf, während der andere Teil die anspruchsvollere Variante zum Pitztaler Jöchl (2996 m) einschlug. Über die schneebedeckten Geröllfelder des Rettenbachgletschers hinab führte unser Weg an Sesselliften vorbei zur Gondelstation am Rettenbachferner (2684 m), wo sich die Gruppe wieder vereinte. Dies hielt jedoch nur kurz Bestand: Um den 4-stündigen Abstieg nach Vent (1896 m) aufgrund anhaltender Knieschmerzen zu entgehen, entschloss sich einer unserer Mitstreiter den Rest der Etappe per Bus anzutreten. Die restliche Gruppe machte sich auf, bei strahlendem Sonnenschein den herrlichen Panoramaweg entlang der Ötztaler Alpen zu bestreiten. Trotz des atemberaubenden Ausblicks auf dem hügeligen Pfad herrschte große Erleichterung, als die Etappe beendet und endlich das Hotel in Vent erreicht wurde. Die Feierlaune hielt sich jedoch in Grenzen, vor der letzten Etappe waren alle erschöpft und wollten noch einmal Kraft tanken.

Nach ergiebigem Frühstücksbuffet und der gewohnten Einnahme von Schmerzmitteln traten wir die letzte Etappe unserer Wanderung an. Bei strahlendem Sonnenschein ging es über eine schmale Gebirgsstraße in knapp zwei Stunden zunächst zur Martin-Busch-Hütte auf 2501 m Höhe. Dort wurde auf der sonnigen Terrasse eine Kaffee- und Trinkpause gemacht, ehe wir uns zum letzten Anstieg unserer Wanderung aufmachten. Über eine Gerölllandschaft erreichten wir schließlich erste Schneefelder des Similaungletschers und überquerten die italienische Grenze. Der letzte steile Anstieg hatte es noch einmal in sich, so dass wir glücklich den höchsten Punkt unserer Reise erreichten. Auf der Terrasse der Similaunhütte (3019 m) aßen wir feinstes Carpaccio und beste italienische Pasta und konnten dann gut gestärkt den Abstieg zum Zielort Vernagt antreten.

Der steile Abstieg forderte noch einmal die ganze Leidensfähigkeit heraus, die Knieschmerzen waren bei einigen mittlerweile so stark, so dass sie nur noch humpelnd vorangingen. So strapazierend hatten sich die meisten diesen Trip nicht ausgemalt. Über grüne Wiesen hinab zum blau leuchtenden Stausee kam das Ziel jedoch immer näher und half die Schmerzen weitestgehend auszublenden. Als schließlich das letzte Gatter einer Weide passiert wurde, machte sich große Freude breit und wir kehrten in einem Gasthaus mit Blick auf den Stausee ein. Auf der Terrasse wurde mit Weizenbier angestoßen und der Erleichterung über die überstandenen Strapazen folgte ein Gefühl des Stolzes darüber, in sechs Tagen von Deutschland nach Italien gewandert zu sein. Mit dem Bus und der Bahn ging es weiter in den italienischen Kurort Meran. Dort ließen wir den Abend bei bester italienischer Pizza und Rotwein ausklingen. Um eine tolle Erfahrung reicher reisten am nächsten Morgen zurück in die Heimat. Zurück nach Berlin in die große Stadt, weit entfernt von Gipfeln, Gletschern, Bergseen und überfüllten Berghütten - endlich wieder Ruhe...

 

Mehr Infos zur Alpenüberquerung Oberstdorf nach Meran gibt es unter anderem hier:

www.e5-oberstdorf-meran.de/

http://www.alpinschule-oberstdorf.de/wandern/alpenueberquerung/oberstdorf-meran-klassiker.html

https://www.oberstdorf.de/alpininfo/huetten/alpenueberquerung/

Fernwanderweg E5: Konstanz – Oberstdorf – Meran/Bozen – Verona. 31 Etappen. Mit GPS-Tracks. (Rother Wanderführer)

 

Hütten:

Kemptner Hütte

Memminger Hütte

Skihütte Zams

Braunschweiger Hütte

Martin-Busch-Hütte

Similaunhütte

 

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