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Auf dem höchsten Gipfel der Berchtesgadener Alpen: Audienz beim König

23. März 2017 | Norbert Eisele-Hein

Bergtour auf den Hochkönig - ©Norbert Eisele-Hein

Die letzten Höhenmeter zum Gipfel ziehen sich, es geht noch einmal viel berg- und bergab

Copyright: Norbert Eisele-Hein

Wie im Zeitraffer türmen sich schwarze, bedrohliche Wolken auf. Vor uns liegt noch eine gute halbe Stunde Fußmarsch über den Plateaugletscher der "Übergossenen Alm". Schon hören wir es in der Ferne grollen. Legen einen Zahn zu. Überlegen unsere Eispickel einfach in den Schnee zu rammen. Derart exponiert lockt das Eisenzeug am Ende noch die Blitze in unsere Richtung. Westlich im Steinernen Meer fahren die ersten Blitze bereits hernieder, kommen immer näher. Weg mit den Eispickeln und jetzt aber hurtig. Der Aufstieg von Hinterthal, über die Bertgenhütte und den Hochseiler hat zwar gewaltig Körner gekostet, aber jetzt müssen wir die letzten Reserven mobilisieren.

Wir können uns nur noch in das Matrashaus, direkt auf dem 2941 Meter hohen Gipfel des Hochkönigs retten, für den Rückzug ist es längst zu spät. Wir sprinten über den matschigen Schnee bis uns der Schaum vor dem Mund steht. Endlich oben trifft uns der Anblick der Hütte wie ein rechter Haken von Vladimir Klitschko. Das Matrashaus liegt in Schutt und Asche. Das Gewitter läuft zur Höchstform auf, erste Blitze fahren böse zischend in die Funkantenne direkt auf dem Gipfel. Sorgen für ein Britzeln in der Luft, das uns die Haare zu Berge stehen lässt. Eine Handvoll ebenso Gestrandeter schreit durch das Tosen. Lotst uns gerade noch rechtzeitig in einen windigen Notverschlag aus Brettern und Folie. Eingehüllt in einen Stapel Decken überdauern wir diese denkwürdige Nacht in der Gemeinschaft alpiner Schiffbrüchiger.

Das alles geschah im Sommer 1982. Kurz davor war das Matrashaus wegen eines Leitungsdefekts bis auf die Grundmauern abgebrannt. Internet oder gar Mobiltelefone gab es damals noch nicht.

Sage und schreibe 34 Jahre später bin ich wieder unterwegs. Aber dieses Mal auf der wesentlich einfacheren Variante, dem Wanderweg über das Arthurhaus und die Mitterfeldalm. Der Startschuss ertönt im schönen Pongau. Vom Parkplatz beim Arthurhaus (1503 m) zieht ein breites Schotterband anfangs gemütlich und stets gut beschildert Richtung Mitterfeldalm. Die Blicke in die Südabstürze der Mandlwand, die sich hier wie ein Bollwerk präsentiert, sind opulent. Satte fünf bis sechs Stunden dauert der Aufstieg zum Hochkönig über diese Ostvariante. Da kann ein flottes, zweites Frühstück mit einem dampfenden Haferl Kaffee und einem frisch duftenden Apfelstrudel nicht schaden. Zumal die Wirtin, Fr. Holzmann, diesen selbst bäckt. Wir gesellen uns zu einer Handvoll Kletterer, die sich hier an den Felswänden des Hochkönigs und der nahen Torsäule versuchen wollen und auch möglichst früh starten.

Schon gleich nach dem Gehöft der Alm betreten wir das "Natur- und Europaschutzgebiet Kalkhochalpen". Ein etwas sperriger Begriff. Rein geografisch zählt der Hochkönig ja zu den Berchtesgadener Alpen, obwohl er eigentlich ganz solitär, fast schon wie ein Monolith, zwischen den 'Berchtesgadenern' und den zahlreichen Gipfeln des Steinernen Meers aufragt.

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Wir wandern um das westliche Ende der Mandlwände herum, steigen etwas ab und erreichen erste Seilversicherungen in steilerem Gelände. Der erste Test für Trittsicherheit und auch Schwindelfreiheit, zumal am bauchigen Fels etliche Gedenktafeln für verunglückte Bergsteiger prangen. Wir queren ausgedehnte Geröllfelder und gelangen zum Ochsenkar. Im üppigen Grün der steilen Bergwiesen strahlen Schusternägel und Almrausch im Morgenlicht. Bescheren einen herrlichen Kontrast zu den vielen Grautönen der monumentalen Felsenlandschaft.

Die Torsäule, eine 2587 Meter hohe Felsnadel rückt immer mehr in die Blickrichtung. Schon hören wir die Seilkommandos etlicher Seilschaften in der Wand schallen. Auf vielen, schweißtreibenden Kehren lassen wir sie rechts liegen. In ihrem Schatten halten sich letzte, minimale Schneereste. Es ist einer der heißesten Tage des Jahres, selbst über 2000 Metern haben wir noch 30 Grad, somit macht dieser Abschnitt, der sogenannte "Kniebeißer" seinem Namen alle Ehre. Mittendrin zieren ein paar tibetische Gebetsfahnen den Aufstieg. Spätestens hier sollte man den Blick einmal gen Himmel richten, denn einmal oben auf der Übergossenen Alm gibt es keinerlei Schutzmöglichkeit mehr. Und auch für heute sind auf Grund der unglaublichen Hitze wieder Gewitter vorausgesagt. Aber wir sind früh genug dran, haben noch ordentlich Zeitpuffer.

Über mehrere Felsriegel schrauben wir uns hoch zur Übergossenen Alm. Der Sage nach gediehen die Almen und die Kühe dort oben so gut, dass die übermütigen Sennerinnen sich aus purem Übermut und Eitelkeit in Milch badeten. Sich mit Butterkugeln bewarfen. Die Wege zu ihren Almhütten gar mit Käselaiben pflasterten. Als sie einst einen hungrigen Wanderer trotz des Überflusses garstig abwiesen, zog ein fürchterliches Unwetter von den Teufelshörnern heran und begrub die gesegnete Alm samt übermütigen Sennerinnen auf immer und ewig unter einer Flut aus Eis und Schnee.   

Einstmals war diese Gletscherkappe der Stolz der Berchtesgadener Alpen. Zusammen mit dem Blaueis am Hochkalter, waren es die einzigen nennenswerten Eisfelder der Region. Doch gerade hier am Hochkönig wird der Rückgang der alpinen Gletscher dramatisch sichtbar. Heute sehen wir nur noch ein paar Altschneefelder in den Niederungen der zahlreichen Felsbuckel. Eispickel oder gar Steigeisen können somit zu Hause bleiben. Die Route wird vorbildlich mit rot-weißen Stangen markiert, denn einfallender Nebel oder eine Wolkenmütze auf dem Fast-Dreitausender würden die Orientierung ansonsten zum Ratespiel machen.

Bald schon erscheint das neue Matrashaus, das am 01.09.1985  eingeweiht wurde, wie ein Königsthron auf der Bergspitze. Aber der Anblick gleicht einer Chimäre. Kann dem wackeren, aber nach fünf Stunden Aufstieg etwas entsafteten Bergsteiger, einen rechten Magenschwinger versetzen. Mal scheint es zum Greifen nahe, mal verschwindet es wieder aus dem Blickfeld. Etliche kurze Abstiege auf dem weiten Weg zur Hütte unterwandern zusehends die Moral. Lapidar formuliert: Der Weg zieht sich wie geschmolzener Käse in die Länge.

Nach einer weiteren Stunde erreichen wir das letzte, steilere Schneefeld. Ein paar Leitern und Trittroste, zusätzlich abgesichert mit einer Eisenkette, lassen den Puls nochmal an die Schädeldecke hämmern, markieren zugleich die Schlüsselstelle. Der Blick auf die letzten Mini-Eisfelder wird frei. Von Süden nähern sich weitere Bergsteiger, die irgendwie noch entkräfteter als wir wirken. Sie sind gerade dem Königsjodler, einem 8 - 10stündigen, sehr anspruchsvollen Klettersteig entstiegen. Endlich oben, fallen wir alle erstmal auf die zahlreichen Bierbänke. Der Biergarten hier oben auf exakt 2941,7 Metern Seehöhe offenbart ein kaum zu übertreffendes 360 Grad Panorama. Im Osten blinkt der Dachstein, im Süden recken die Hohen Tauern ihre Eisgipfel in den stahlblauen Himmel, auf dem sich schon wieder erste Gewitterwolken heranpirschen. Im Norden erstrecken sich die Karstflächen des Hagengebirges und im Westen wellt sich das Steinerne Meer, welches dahinter vom massiven Watzmann überragt wird.

Schon steht eine Radler-Maß auf dem Tisch, um den enormen Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen. Das Thermometer auf bald 3000 Metern zeigt immer noch 30 Grad Celsius. "Ich bin nun schon seit 18 Jahren auf dem Matrashaus, aber 30 Grad hatten wir hier oben noch nie, wenn ich mich recht erinnere", bekräftigt Roman Kurz (56 Jahre), der Hüttenwirt, unser Erstaunen. Er gesellt sich zu uns und beäugt argwöhnisch die Gewitterwolken. "Die Strecke vom Arthurhaus hier hoch ist einfach..., aber wenn das Wetter kippt, bist du auf einem isolierten Fast-Dreitausender, wo bei Gewittern die Post abgeht." Er empfiehlt weniger erfahrenen Wanderern die geführte Tour mit einem ortskundigen Bergführer. "Das kostet in der Gruppe nur 40.- € pro Person. Und wenn dann dichte Wolken im Aufstieg hängen, gibt es auch keine Probleme. Früher sind tatsächlich einige in direkter Nähe der Hütte erfroren, darum treibe ich seit Jahren die Markierung mit Stangen und aufgemalten Markierungen voran und erneuere sie ständig... , denn gerade die letzten 100 Höhenmeter mit dem ständigen Auf und Ab haben es in sich."

Wir verlagern die zweite Runde nach drinnen, weil es draußen zu heiß wird... wohlgemerkt auf Zugspitzniveau. Das Gewitter scheint unausweichlich. Wie einst vor 34 Jahren braut sich ein heftiges Wolkengemisch am Firmament zusammen und liefert nach Einbruch der Dunkelheit ein tosendes Höllenspektakel. Doch dieses Mal fühle ich mich nicht wie ein Schiffbrüchiger. Bestaune das Blitzkino bei einer Brotzeitplatte und einem Viertel Roten gemütlich durch das Hüttenfenster.  

 

Infos:

Hochkönig Tourismus GmbH, Am Gemeindeplatz 7, A-5761 Maria Alm,

T +43 6584 20388-11, F +43 6584 20388-25, www.hochkoenig.at

 

Anfahrt:

Kfz: Über die Tauernautobahn A 10 bis zur Ausfahrt Bischofshofen, 9 km entlang der Bundesstraße ins Mühlbachtal und über Panoramastraße zum Parkplatz beim Arthurhaus. Dder ohne Vignette über Inzell und den Steinpass nach Lofer, weiter über Saalfelden und Maria Alm nach Mühlbach.

Öffentlich: Mit dem Zug nach Bischofshofen und von dort mit dem Postbus direkt nach Mühlbach am Hochkönig, Verbindungen siehe auch www.hochkoenig.at

Aufstieg:

Viele Wege führen auf den Hochkönig, doch alle erfordern Kraft, Ausdauer, Trittsicherheit und alpine Erfahrung. Der einfachste Weg führt über das Arthurhaus (1503m) und die Mitterfeldalm (1668 m) an der Torsäule vorbei, stets vorbildlich markiert zum 2941 m hoch gelegenen Matrashaus auf dem Gipfel des Hochkönigs.

Aufstiegszeit:

5 - 6 h

Übernachtung:

Berghotel Arthurhaus, Mandlwandstr. 110, A-5505 Mühlbach am Hochkönig, Tel. 0043-6467 7202, info@arthurhaus.at, www.arthurhaus.at

Mitterfeldalm, Fam. Johann Holzmann, www.mitterfeldalm.at, Tel. 0043-664 643 8077

Matrashaus, Hüttenwirt Roman Kurz, A-5505 Mühlbach am Hochkönig, Tel. 0043-6467 7566, geöffnet und bewirtschaftet von ca. Anfang Juni bis Ende September, Betten und Matratzenlager, Winterraum mit 10 Schlafstellen, www.matrashaus.at

Sich orientieren:

Topografische Karte im Maßstab 1:25.000, AV Karte Nr. 10/2 Hagengebirge/Hochkönig, 9,80 €

Literatur:

Wanderführer: Sepp Brandl, Hochkönig, aus der Reihe Rother Wanderführer (mit 57 Touren am und ringsum den Hochkönig), 14,90 €

 

Tipp:

Von Alm zu Alm am Fuße des Hochkönigs, die Region Hochkönig bietet eine 5 tägige Genusstour mit Übernachtung in komfortablen 3* Hotels, ab 299.-, www.hochkoenig.at

Auch der Salzburger Almenweg führt mit seiner ersten Etappe an der Mitterfeldalm vorbei in die Hemisphäre des Hochkönigs, www.salzburger-almenweg.at

Geführte Touren der Alpenskischule Markus Hirnböck kosten 40.- € pro Person. Start immer um 6.00 Uhr am Arthurhaus. www.alpinskischule.at, Tel. 0043-65027 42 312

Hauser Exkursionen (Spiegelstr. 9, 81241 München) bieten mehrere Bergreisen in die Region, Service-Tel. 49 (89) 23 50 06 – 0,  info@hauser-exkursionen.de, www.hauser-exkursionen.de

 

 

Tour auf den Hochkönig über das Arthurhaus (leichtester Anstieg - hin und zurück).

Typ: mittelschwere, aber konditionell anstrengende Bergwanderung

Länge: 10 km

Dauer: 6 h

Schwierigkeit: technisch mittel (wenige exponierte und seilversicherte Passagen, ansonsten Bergpfad der Trittsicherheit erfordert)

Höhendifferenz: 1700 Höhenmeter

Höchster Punkt: 2941 m

Beste Wanderzeit: Juni - Mitte September

Start/Ziel: Arthurhaus bei Mühlbach im Pongau.

 

 

Tourenhöhepunkte:

1)      Festung Hohenwerfen, die imposante Wehrburg und der historische Landesfalkenhof liegen direkt auf dem Weg, hoch über der Autobahn, und offenbaren eine einmalige Zeitreise ins Mittelalter. Das einstmals erzbischöfliche Ensemble aus dem 11.Jahrhundert zeigt mehrmals täglich auch Vorführungen mit einheimischen Greifvögeln. www.burg-hohenwerfen.at, Tel. 0043-6468-7603,

2)    Arthurhaus, legendärer Kaiserschmarrn, turmhohe Windbeutel – das 3* Berghotel bietet einen umwerfenden Einblick in die Felszacken der Mandlwand, günstige Zimmer und gehobene Küche. Hier startet die Tour, für spät Anreisende durchaus eine Übernachtungsoption. T Tel. 0043-6467 7202, info@arthurhaus.at, www.arthurhaus.at

3)      Mitterfeldalm, gemütliche, einfache Almhütte mit Charme und leckeren, hausgemachten Kuchen und Strudeln. Wer richtig früh aufsteigen will, im Sommer durchaus ein wichtiges Argument bei solch einer kräftezehrenden Tour übernachtet hier.  www.mitterfeldalm.at, Tel. 0043-664 643 8077

4)      Torsäule 2588 m, ein wilder steiler Felsendom ragt unvermittelt rechts der Aufstiegsroute in den Himmel, ein Kletterparadies, ein Augenschmauß, eine geologische Besonderheit, wo jeder mehrfach seine Kamera zückt.

5)      Danach beginnt der Abschnitt des berühmt-berüchtigten „Kniebeißer“, der beim Aufstieg auch gerne mal „Wadenbeißer“ genannt wird. Steil reiht sich Kehre um Kehre aneinander und lässt den Schweiß in Strömen fließen, zumal der Einschnitt so breit ist, dass die Sonnen dauernd unbehindert auf den Pfad strahlen kann.

6)      Übergossene Alm, das einstige Plateau-Eisfeld gleicht mittlerweile einer welligen Steinwüste und beschert durch das ständige Auf und Ab noch einige extra Höhenmeter. Die Hütte ist von Weitem sichtbar, will aber lange nicht näher kommen, wie es scheint. Landschaftlich ein Gedicht, aber konditionell nochmal eine harte Nuss.

7)      Das Matrashaus thront wie die Kirsche auf der Sahne, erhabener geht es kaum. 360 Grad Panorama auf 2941Metern Seehöhe, alleine deshalb schon sollte man dort oben die Nacht verbringen und das Sonnenauf- und Untergangsspektakel bewusst zelebrieren.

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