Da war er also, dieser Moment. Jeder, der Ueli Stecks Karriere verfolgt hat, hat es vermutlich kommen sehen. Irgendwann kommt diese eine Situation, in der es schief geht. Ein falscher Schritt, eine abbrechende Schneewechte, ein Steinschlag im falschen Moment, ein Materialfehler – wer sich am Limit bewegt, und das tat Ueli Steck regelmäßig und wahrscheinlich öfter als die meisten Menschen auf diesem Erdball, für den gibt es wenig Raum für Unvorhergesehenes. Für Ueli war der Moment am vergangenen Wochenende gekommen. Am Nuptse, unweit des Everest und des Lhotse, wo er eine neue, schier unglaublich wirkende bergsteigerische Leistung vorbereitete, stürzte der Schweizer in den Tod.

Warum er den Halt verlor? Ob man das je mit absoluter Gewissheit herausfinden wird, ist fraglich. Niemand hat den 40-Jährigen gesehen, niemand war bei ihm, Steck war allein. Wie so oft.

Ueli Steck war kein Hasardeur. Wer ihm zugehört hat, wenn er von seinen Plänen, seinen Erlebnissen, seiner Philosophie in den Bergen sprach, der hat einen Mann kennengelernt, der analytisch war. Zielstrebig. Diszipliniert. Der viel plante und auf jedes Detail achtete. Einen Mann, der es schaffte, in Situationen, die für Normalsterbliche beängstigend und surreal erscheinen, Körper und Geist als Einheit funktionieren zu lassen.

Zwischen den Jahren 2010 und 2014 traf ich Ueli Steck auf mehreren Events und machte Interviews mit ihm. Vor allem das Gespräch auf der ispo Sportmesse in München Anfang 2014 ist mir im Kopf geblieben. Ein nachdenklicher, aber auch erschöpft wirkender Steck, berichtete über das Jahr 2013. Vermutlich eines der Jahre, das ihn am meisten geprägt hat. Erst eine Situation am Everest, die ihn und seine beiden Begleiter Simone Moro und Jonathan Griffin in einen lebensbedrohlichen Streit mit nepalesischen Sherpas manövrierte. Nur wenige Monate später ein 28-stündiger Alleingang an der Annapurna mit anschließender Medienschlacht. Steck hatte seine Kamera verloren und konnte keine Beweise für seine Leistung vorbringen. Er wirkte desillusioniert, der Beteuerungen müde, stellte gar sein Tun in Frage. Und er erkannte erstmals, dass das Risiko, welches er bei dieser unmöglich anmutenden Aktion einging, selbst für ihn zu groß war. Er war dem Tod von der Schippe gesprungen, und musste sich dafür auch noch rechtfertigen. Wollte er diesen Sport wirklich so weitermachen?

Steck schaltete einen Gang zurück. Neue Projekte gab es erst im Jahr 2015, bis dahin sprach er viel über das Erlebte. Mit seiner Frau, aber auch mit einem Psychologen und Bergsteiger-Kollegen. Und natürlich trainierte er. So wie er das immer tat. „The Swiss Machine“ war sein Spitzname und dieser wurde ihm gerecht. Wer die Bilder kennt, wie er über Grate oder Steilwände rennt, bekleidet mit einem dünnen Laufdress und einer Ausrüstung, bei der er auf jedes Gramm achtete, der konnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass Stecks Körper eine Maschine sein musste. Eine Maschine, die 2015 alle 82 Viertausender der Alpen in nur 61 Tagen bestieg, ohne dabei zwischen den Bergen ein motorisiertes Vehikel zu benutzen. Bergsteigerisch für Steck vermutlich nicht die größte Herausforderung seines zu kurzen Lebens, für unsereins schon aufgrund der 117.489 zurückgelegten Höhenmeter fernab jeglicher Realität.

Für Steck war es der Aufbruch zu seinen finalen Abenteuern. 2015 holte er sich den Speedrekord in der Eiger-Nordwand zurück, den er wenige Jahre zuvor an den jungen Dani Arnold (SUI) verloren hatte. In 2:23 Stunden rannte und stieg er solo zum Gipfel. Er wollte den Rekord an seinem Hausberg zurück, es nochmal beweisen, dass der Eiger sein Berg ist. Und er schaffte es. Genau wie auch die Traverse „Eiger, Mönch & Jungfrau“, die er in weniger als 24 Stunden hinter sich brachte. Im Laufschrittt über die schmalsten Grate, immer nur einen Augenblick vom tödlichen Absturz entfernt. Den Fokus voll und ganz auf den nächsten Schritt, ohne die Option, sich einen Fehler leisten zu können. Leicht und schnell, das war Stecks Philosophie.

Schnell, das hätte Steck auch bei seinem Everest-Lhotse-Projekt sein müssen. Doch dazu kam es nicht. Der berühmteste Bergsteiger der Neuzeit kehrte nicht von einer Akklimatisationstour am 7861 Meter hohen Nuptse zurück. War es Fehltritt? Eine Unkonzentriertheit? Ein unglücklicher Stand auf einem losen Fels oder vielleicht eine kleine Lawine, die ihn in den Tod riss? Es ist sinnlos, darüber zu spekulieren. Er kannte die Gefahren, er schätzte sie ein, er bewegte sich über 20 Jahre lang in den Bergen – an diesem letzten Apriltag des Jahres 2017 traf er wohl eine der wenigen falschen Entscheidungen in seinem Bergsteigerleben.

Mit Leichtsinn hat sein Unglück allerdings nichts zu tun. Leichtsinnig, unvorbereitet, der Konsequenzen nicht bewusst - das ist Ueli Steck mit Sicherheit nicht gewesen. Dennoch hat er mit seinem Leben bezahlt, denn so ist das nun mal im Gebirge. Steck hatte schon mehrmals Glück, nicht nur bei seinem Annapurna-Solo-Push. 2007, am selben Berg, knallte ihm ein Stein auf seinen Helm, er stürzte 200 Meter ab. Er überlebte. Dieses Mal war ihm dieses Glück nicht gegeben.

Mit Ueli Steck verliert die Welt des Alpinismus einen seiner Besten. Er setzte neue Maßstäbe, brachte professionelle Trainingsmethoden und Ernährung in die Bergwelt, ordnete seinen Zielen alles unter. Für Steck war alles möglich, er kannte keine Grenzen. Er ging positiv und mit viel Freude an jede neue Herausforderung und arbeitete so lange an sich, bis er sein Ziel erreicht hat. Das Steck aber auch ein liebenswerter und zuvorkommender Mensch war, das schreibt Fotograf und Begleiter Jon Griffin auf seiner Facebook-Seite: "Ueli had a sensitive and loving side to him that made him a true friend. He would drop anything to help you out, no matter what; a rare quality for a person who could easily have let his climbing status define who he was. I'll miss our endless discussions about life and work, but most of all I'll miss his presence and energy; a man who could install a sense of "anything is possible" just by spending time with him.... Ueli will leave an amazing legacy for generations of climbers, he was one of a kind, a pioneer who opened up styles and attitudes that will be emulated for years to come. A true gentleman who brought grace and humility to our world. But I'll miss him most as my friend and mentor. I know that time heals and the tears will stop but my god I really miss him, I can't believe I'll never see him again; the hardest part is never getting the chance to say goodbye."

Der Schweizer hat die Messlatte für zukünftige Generationen weit nach oben gelegt. Schade, dass er ihnen nicht selbst von seinen Abenteuern erzählen wird.

 

The Swiss Machine

Ueli Steck: Everest-Lhotse-Projekt

Ueli Steck New Speed Record Eiger 2015

Ueli Steck: Der schnellste Mann am Berg

Skyline Ridge

Stecks letztes Interview im Basislager des Mount Everest

 

Nachrufe und Berichte zu Stecks Tod:

http://www.spiegel.de/sport/sonst/ueli-steck-der-tod-des-bergsteigers-war-ein-unfall-kein-leichtsinn-a-1145609.html

https://www.welt.de/sport/article164151633/Eines-traute-sich-der-scheinbar-furchtlose-Alpinist-nie-zu.html

http://www.blick.ch/news/chronik-eines-ungluecks-die-letzten-tage-von-ueli-steck-id6610358.html

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/weitere/Tod-eines-Unsterblichen/story/30528038

http://www.watson.ch/Sport/Interview/938475172-%C2%ABIch-frage-mich--ob-er-mehr-vorhatte%C2%BB-%E2%80%93-Reinhold-Messner-%C3%BCber-den-Tod-von-Ueli-Steck