Nach tödlichem Hubschrauberabsturz am Ama Dablam: David Göttler erklärt die Umstände

25. November 2010 | bergleben.de

David Göttler und Kazuya Hiraide - ©David Göttler_www.straight-to-the-top.eu

David Göttler und Kazuya Hiraide

Copyright: David Göttler_www.straight-to-the-top.eu

Vor knapp zwei Wochen kamen bei einem Hubschrauberabsturz in Nepal zwei bekannte, einheimische Bergretter ums Leben. Zuvor hatten sie den Deutschen David Göttler, Exped-Kader-Ausbilder beim DAV, aus über 6000 Metern Höhe mit dem Hubschrauber ausgeflogen. Beim Versuch, seinen Seilpartner Kazuya Hiraide (JAP) ebenfalls aus der misslichen Lage zu befreien, stürzte der Hubschrauber ab und die Nepalis Sabin und Purna kamen ums Leben.

Göttler meldet sich zu Wort
Göttler und Hiraide hatten am Ama Dablam die Nordwand bezwungen, als sie, am Nordgrat angekommen, feststellen mussten, dass sie aufgrund widriger Wetterumstände weder vor noch zurück gehen konnten. Nun meldete sich Göttler auf seiner Homepage www.straight-to-the-top.eu/ mit bewegenden Schilderungen der Stunden in den eisigen Höhen zu Wort.

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Fehleinschätzung der Umstände auf dem Nordgrat
Göttler auf seiner Homepage: "Der Grat sollte doch wohl in einem kletterbaren Zustand sein, nachdem die Nordwand, die nie Sonne, die nie Wind abbekommt, so gut von den Verhältnissen war! Doch dies sollte unser größter Fehler werden. Schnell merkten wir, daß hier die Schneebeschaffenheit gänzlich anders war und nicht unseren Erwartungen entsprach. Auf der Ost-Seite wussten wir, daß wir mit Lawinen rechnen mussten, aber auf der West-Seite, die dem Wind ausgesetzt ist, müssten wir doch begehbare Verhältnisse haben! Doch hier war ein ganz grobkörniger, sogenannter "sugar snow"! Selbst beim zehnten Hintreten sackte man wieder bis zur Hüfte ein. Und sobald es das erste mal ein wenig steiler wurde sind wir nicht mehr weiter gekommen... Ich probierte es dann auf der Ostseite des Grates, doch hier war die Lawinengefahr zu groß. Gleich auf den ersten 30m ging ich mit einem Schneebrett 15m Richtung Nordostwand ab, Kazuya hielt mich. Uns wurde schlagartig bewusst, dass, wenn wir nicht wie geplant über den Gipfel und den Normalweg auf der anderen Seite runterkamen. Wie sollten wir hier wieder heil runterkommen?"

Abstieg, Abseilen?
Göttler und Hiraide versuchten zunächst, über die Nordwand wieder abzusteigen. Doch dieses Vorhaben endete bereits nach einigen Höhenmetern an einem überhängenden Serac. Auch die letzte Möglichkeit des Rückzugs wurde schnell verworfen: "Die letzte Möglichkeit, über unsere Aufstiegsroute abzuseilen, war sehr heikel, vielleicht gar unmöglich", so Göttler aus seiner Website. "Also entschlossen wir uns für die Anfrage auf eine Rettung per Helikopter. Wir wussten, dass es eine blamable Lage war, in welche man als Bergsteiger nie kommen sollte und trotzdem hatten wir es geschafft. Wir konnten uns ohne fremder Hilfe hier nicht mehr heil vom Berg bringen!"

Absturz beim zweiten Anflug
Bei der Rettung am nächsten Morgen dann das tragische Unglück: Nachdem Göttler bei "Stein, Schere, Papier" gewann und als erster ausgeflogen wurde, kam es bei der Rettung des Japaners Hiraide zum Absturz. Göttler: "Kazuya wartete oben und als der Helikopter den zweiten Anflug machte und Kazuya schon einsteigen wollte, bewegte der Helikopter sich ganz langsam auf ihn zu. [...], es machte einen lauten Schlag und der Helikopter stürzte über den Kopf von Kazuya in Richtung Nordost Wand ab. 1000m tief geht es hier fast senkrecht runter, die Crew hatte keine Chance, dies zu überleben. Wie durch ein Wunder blieb Kazuya unverletzt oben am Grat zurück. Der Rotor war an den Grat oberhalb von unserem Aufnahmepunkt gestoßen!"

Rettung Hiraides
Nach dem Tod der Piloten war die Hoffnung auf eine Bergung Hiraides bei Göttler gering. "Früh morgens kam plötzlich und ohne dass wir es wussten ein zweiter Helikopter von Fishtail Air. Sie hatten ihn geschickt, um Kazuya zu retten. Wir hatten noch probiert über die Japanische Botschaft und das Militär einen Helikopter zu bekommen, doch das Militär lehnte ab. Und jetzt flog der beste Freund des verunglückten Piloten Sabin vom Vortag den zweiten Helikopter. Dies ist ohne Worte und so unendlich hoch Fishtail Air und ihrem gesamten Personal anzurechnen! Und er schaffte es tatsächlich, beim 7. Anlauf Kazuya zu retten", schreibt Göttler auf www.straight-to-the-top.eu.

Göttler und Hiraide haben lange Interviews bei den Behörden im Untersuchungsausschuß und einen schweren Gang zur Familie der abgestürzten Bergretter hinter sich. "Ich wünschte mir, man könnte die Zeit zurückdrehen und Sabin und Purna wieder lebendig machen. Doch das geht nicht und wie die Familien mir versichert haben, die Hindus glauben fest daran, dass es den beiden gut geht", schreibt Göttler am Ende seiner sehr persönlichen Schilderungen.

Die gesamten Blogeinträge David Göttlers findet ihr unter www.straight-to-the-top.eu/, eine Bildergalerie unter hier.

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